Buchtipp: Vom Großen und Ganzen und seinen Details

Der Hirmer-Verlag hat mit dem vorbildlich gestalteten Band „Sigrid Neubert –  Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne“ der bedeutenden, 1927 in Tübingen geborenen Fotografin anlässlich der Retrospektive im
Museum für Fotografie in Berlin weit mehr als einen Ausstellungskatalog gewidmet.
Der Architekt und Lehrbeauftragte (unter anderem an der Humboldt-Universität Berlin) Frank Seehausen hat 60 Projekte ausgewählt, die Sigrid Neubert fotografisch dokumentiert hat. Neubert begann ihre fotografische Karriere 1954 mit Auftragsarbeiten für die Keramik- und Glasindustrie.
Allerdings war schon ein Jahr zuvor eines ihrer abstrakt gehaltenen Fotos im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) in der von
Edward Steichen kuratierten Ausstellung „Postwar European Photography“ zu sehen.
Mit der Hinwendung zur Architekturfotografie entwickelte Neubert ihren eigenen Stil: Sie beschränkte sich nicht auf die Abbildung von Bauwerken, immer nahm die Einbindung der Objekte in die sie umgebende Landschaft einen zentralen Platz ein. Die sehr kontrastreichen Fotos arbeiteten die Strukturen der Bauwerke heraus. Sie verwendete für ihre Architekturfotos eine 9 x 12 Plattenkamera mit Glasnegativen.  Frank Seehausen weist darauf hin, dass Sigrid Neubert damit der mitunter sehr mäßigen Druckqualität der Architekturzeitschriften entgegenkommen wollte.Sie arbeitete mit Architekten wie Kurt Ackermann, Herbert Groethuysen, Paolo Nestler oder dem Österreicher Karl Schwanzer zusammen.

Die Fokussierung auf einen Aspekt des  Werks der Fotografin verhindert natürlich, dass Interessierte mit dem „Spätwerk“ Neuberts bekannt gemacht werden – sie wandte sich nach Jahrzehnten der strengen Architekturfotografie der Naturfotografie zu. Dr. Ludger Derenthal, der diesen Teil der Ausstellung im Museum für Fotografie kuratiert hat, weist darauf hin, dass Neubert auch in dieser „künstlerisch-kreativen Phase“ keineswegs ungeplant gearbeitet hat. Manche Themen hatte sie über Jahrzehnte im Blick,

Architektur- und Fotografieinteressierte werden jedenfalls bei Frank Seehausens Monographie auf ihre Rechnung kommen!

Frank Seehausen
Sigrid Neubert
Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne
Hirmer-Verlag
335 Seiten, EUR 46,30
978­3­7774­3036­2

Eine Kurzfassung dieses Blogbeitrags findet sich in der Kundenzeitschrift des Literaturbuffets, BUCHSTABENSUPPE.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*