Videosonntag: Impressionen vom La Gacilly Baden Festival (2)

Am 16. Juni 2019 gab es im Rahmen des offiziellen Eröffnungstages des La Gacilly Baden Festivals eine Open-Air-Signierstunde mit den anwesenden Fotografinnen und Fotografen. Ich habe die Gelegenheit für ein kleines Interview mit dem Bürgermeister von La Gacilly, Jacques Rocher, nützen können. Und dann war da noch die Na servas-Band, die ich als „Bonustrack“ vorstellen möchte!

Bonustrack: Die Na Servas-Band

Porträt: Melanie Berger, 97

Melanie Berger, im Juni 2019, Wien

Die freundlich lächelnde 97-jährige Dame auf dem Foto kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. 1921 in Wien geboren, politisiert sich die Jugendliche in den 30er Jahren,sympathisiert mit den illegalen Revolutionären Sozialisten, schließt sich dann aber doch den trotzkistischen Revolutionären Kommunisten (RK) an. Sie nimmt an illegalen Aktionen gegen das austrofaschistische Regime, aber auch die drohende Nazigefahr teil. Im Mai 1938 kann sie mit viel Glück, aber auch Kaltblütigkeit, über Belgien nach Frankreich fliehen.

Nach dem Überfall der Nazis auf Polen hat sie zunächst Glück und kann sich mit verschiedenen Jobs über Wasser halten; der Deportstion in ein Lager entgeht sie ganz knapp, sie sitzt bereits im Zug in Clermont-Ferrand, als sie hört, dass die französischen Polizisten noch nach freiwilligen Hausgehilfinnen suchen. Zwischen 1940 und 1942 schließt sie sich dann in Montauban ihren (ebenfalls) untergetauchten RK-Genossen an. 

1942 fliegt die Gruppe auf, Melanie wird verhaftet und später nach Marseille überstellt. Im Gefängnis La Baumette erkrankt sie an Gelbsucht und wird in des Gefangenentrakt des Hospitals von Marseille gebracht. Am 15. Oktober 1943 wird sie dort von ihren Genossen, die sich als Gestapo-Leute verkleidet haben und in Begleitung eines uniformierten Wehrmachtssoldaten, den sie vom revolutionären Defätismus überzeugen konnten, befreit. Wieder folgt eine Phase der Illegalität.

1946 soll sie in Frankreich von Gendarmen verhaftet werden – sie wird immer noch wegen der Flucht aus dem Nazigefängnis gesucht. So, wie sie um die Anerkennung ihrer Tätigkeit im Widerstand in Frankreich kämpfen muss, muss sie in Österreich um die Anerkennung ihrer Staatsbürgerschaft kämpfen.

In Frankreich heiratet Melanie den hochdekorierten Widerstandskämpfer Lucien Volle – Mitglied der KPF. Ihren Kampf für eine gerechte Welt gibt sie nie auf. Heute spricht sie als Zeitzeugin mit Kindern und Jugendlichen über ihr Leben und warnt vor der Unterschätzung der aktuellen faschistischen Bewegungen. Manchmal kehrt sie nach Wien, an die Stätten ihrer Kindheit und Jugend, zurück.

Sie erzählt aus ihrem Leben – immer bescheiden, immer mit einem Sinn für Situationskomik. Eine nach wie vor aktive und engagierte junge Frau von fast 98 Jahren also.

Ein ausführliches Porträt Melanie Bergers von Nils Klawitter findet sich in: Spiegel Geschichte 2/2019, ab Seite 84)

Begegnung in Baden: Sergio Burns – Journalist, Schriftsteller, Streetphotographer

Das Presse-Eröffnungswochenende zu La Gacilly-Baden war in vielerlei Hinsicht spannend. Interessante Interviews, die Möglichkeit, mit den ausstellenden Fotografinnen und Fotografen zu plaudern, eine enorm freundliche und aufgeschlossene Community…

Am Sonntag, 16.6., bin ich am Rande des Signiermarathons der Fotograf_innen mit dem schottischen Journalisten Sergio Burns ins Gespräch gekommen. Er schreibt unter anderem für streetphotography (ein kleiner „teaser“, um Sergio etwas besser kennenzulernen ist dieser Artikel über Straßenfotografie in Montevideo) und ist Senior Writer für das ayrshire magazine.

Sergio Burns schreibt aber nicht nur über das Thema streetphotography, das ja ein bisschen an der Wiege von complexityinaframe.com stand – er fotografiert auch selbst.

Beim Mittagessen konnten wir uns etwas näher kennenlernen – wobei die Gesprächsthemen von Mary Stuart bis zum Brexit und -zig bekannte Fotograf_innen reichten. Sergio kommt aus Glasgow und dort findet er auch seine besten Motive.

Es freut mich, dass mir Sergio eine kleine Auswahl seiner Fotografien geschickt hat, die ich hier als Galerie veröffentlichen darf. Ich sehe das als einen ersten Schritt in eine Richtung, die ich mir immer gewünscht habe: die Vernetzung mit Menschen, die sich für Streetfotografie interessieren, und zwar über die engen nationalen Grenzen hinweg.

Was wir aus Kriegsfotos lernen können – und was nicht (4. Teil)

Aus persönlichen Gründen hatte ich in den letzten Wochen nicht ausreichend Muße, diesen Essay weiterzuschreiben. Jetzt geht es aber weiter – hier der vorletzte Teil meines Aufsatzes. Wie immer bedauere ich, dass ich aus Copyright-Gründen auf illustrative Fotobeispiele verzichten muss.

Die “Demokratisierung der Fotografie” ist ein Faktum, das eine Reihe neuer Probleme für die berufsmäßigen Fotograf_innen, egal in welcher Sparte, aufgeworfen hat. Täglich werden Millionen Digitalfotos in soziale Medien gepostet; auch in kolonialen und halbkolonialen Ländern haben – wenn auch durch die materiellen Bedingungen stark eingeschränkt – immer mehr Menschen die Möglichkeit, digital zu fotografieren (Stichwort: Handycam). In den “reichen” Ländern machen sich Bildredakteure großer Medienkonzerne diese Entwicklung zunutze, indem sie die Leser_innen auffordern, als “Leserreporter” Fotos zu mailen, die dann um einen Bruchteil dessen, was das Bild von Berufsfotograf_innen kosten würde, angekauft und veröffentlicht werden.

Auch bei der Kriegs- und Krisenfotografie sollte damit die Verbreitung von “anderen” Bildern möglich sein. Allerdings: in „konventionellen” Kriegen werden in der Regel Fotos, die von einfachen Soldaten gemacht werden, einer Zensur oder zumindest Kontrolle unterworfen; außerdem ist es gerade in Kriegs- und Konfliktgebieten, vor allem in Afrika und Asien, nicht unbedingt gesichert, dass überhaupt eine Internetverbindung zur Übertragung von Bildern vorhanden ist. Und dann gibt es natürlich noch den Filter am Ende der Pipeline: bei den Massenmedien, die Bilder veröffentlichen.

Die Arbeit professioneller Fotoreporter_innen unterliegt bestimmten Regeln. Dazu gehört etwa, dass Bilder nicht “manipuliert” sein dürfen. Dahinter steckt der “Objektivitätsanspruch” der bürgerlichen Medienwelt. “Manipuliert” – das bedeutet  nicht nur, dass keine Retuschen vorgenommen werden dürfen, es heißt auch, dass die abgebildeten Ereignisse nicht inszeniert worden sein dürfen.

Weiter oben habe ich anhand eines Beispiels aus dem Irakkrieg gezeigt, wie sehr eingebettete Reporter dadurch manipuliert werden können und dadurch selber zu Manipulatoren werden, weil man sie in bestimmte Kriegssituationen versetzt, die für sie real sind, in Wirklichkeit aber im gesamten Gefüge der Kämpfe eine untergeordnete Rolle spielen können. Oder, brutal ausgedrückt: Was ist, wenn nicht der Fotograf, sondern eine der beteiligten Parteien die Situation inszeniert, die dann als objektive Realität abgelichtet wird?

Fotos können dann als der materielle Beweis für die offiziellen Rechtfertigungsargumente des Krieges durch eine Seite dienen.  Die Kriege im Irak, in Afghanistan, in Libyen und Syrien sind geradezu Lehrbeispiele dafür, wie durch gut gewählte Bildausschnitte und manipulative Bildunterschriften ein völlig undurchschaubarer Informationswirrwarr entstehen kann, der mehr verschleiert als erklärt (siehe die berühmten Fotos vom Sturz des Saddam-Hussein-Denkmals in Bagdad nach dem Einmarsch der US-Truppen).

Einen anderen Zugang eröffnen die Fotos deklariert parteiischer Fotografinnen und Fotografen. Ein Musterbeispiel dafür sind die Aufnahmen von Gerda Taro und Robert Capa aus der spanischen Revolution. Als politische Menschen, die in ihren eigenen Herkunftsländern Ungarn und Deutschland den Aufstieg des Faschismus erlebten und vor der braunen Flut nach Frankreich flüchteten, sahen sie ihre Aufgabe darin, mit ihren Fotos international den Kampf der spanischen Werktätigen gegen den Generalsputsch propagandistisch zu unterstützen. Wenn man die Fotos dieser beiden stellvertretend für andere, auch anonyme, Reportagen über die republikanische Seite, betrachtet, sieht man sehr unterschiedliche Stilmittel, mit denen sie dieses propagandistische Ziel erreichen wollten. Da gibt es die “traditionellen” Kriegsberichtsfotos, die sich aber dadurch von anderen Fotos aus Kriegssituationen unterscheiden, weil sie Kombattanten zeigen, die bei nicht bereits politisierten Betrachterinnen und Betrachtern Fragen aufwerfen: Was sind das für seltsame Truppen, die keine einheitlichen Uniformen haben? (Weil es sich um oft spontan entstandene Milizen handelt). Wieso sieht man so viele bewaffnete Frauen? (Weil das halt revolutionäre Truppen sind, in denen Frauen und Männer gleichberechtigt kämpfen)1siehe speziell dazu das Kapitel “Miliciennes à l’entraînement” in Bernard Lebrun & Michel Lefebvre, Robert Capa Traces d’une légende (Paris, 2011)(S. 90).

Speziell von Gerda Taro gibt es zahlreiche Fotos von Frauen in der Revolution – als Kämpferinnen, als Bäuerinnen, Arbeiterinnen, aber auch als Opfer des faschistischen Terrors – auf der Flucht, verwundet …

George Orwell beschreibt in “Mein Katalonien” sehr gut, was ihn (und andere Reporter) dazu bewogen hat, im Spanischen Bürgerkrieg Partei zu ergreifen. Berichterstatter machen sich damit natürlich angreifbar. Sie werden als einseitige Propagandisten von jenen abgelehnt, die ebenfalls einseitig sind – nur eben auf der anderen Seite.

Was hat es mit der angeblichen Objektivität der Fotoreporter auf sich? Waren die Fotos von Lee Miller, die sie nach der Befreiung Dachaus fotografiert hat, “objektiv”? Konnten sie “objektiv” sein? Das gleiche trifft auf die Reportagen von Margaret Bourke-White zu. 2Margaret Bourke-White, Deutschland, April 1945 (München, 1979)
Ich behaupte, dass eine “objektive” Kriegsfotografie nicht möglich ist. Bewusst oder unbewusst ergreift jeder Fotograf, jede Fotografin Partei. Es liegt am Betrachter, an der Betrachterin, ob sie imstande ist, diese Parteilichkeit zu lesen, zu verstehen, in das eigene Weltbild einzupassen.

Parteilichkeit führt oft, aber nicht immer, zu einer eigenen Ästhetik. Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann veröffentlichte 1933 seinen Bildband Der Triumph des Willens – Kampf und Aufstieg Adolf Hitlers und seiner Bewegung, der eine Glorifizierung des Aufstiegs der NSDAP war. Wenn man seine Bilder von Aufmärschen der SA in der “Kampfzeit” mit zeitgenössischen Pressefotos vergleicht, zeigt sich schnell, was gemeint ist. Das “Heldische”, das sich in einer bestimmten Bildsprache ausdrückt (Gesichter leicht von unten aus der Schräge aufgenommen, die Augen der Porträtierten starr nach vorne oben, im Visier ein unsichtbares Ziel) ist die visuelle Fortführung einer Ästhetik, die wir auf Kriegerdenkmälern des 19. Jahrhunderts und besonders aus der Zeit des 1, Weltkrieges kennen. Die Fotos von Wahlkampfaktionen der SA und Straßenschlachten mit proletarischen Gegners zeigen stattdessen die Gesichter wütender gewaltbereiter Kleinbürger und Lumpenproletarier.

Der letzte Teil dieses Aufsatzes wird sich mit der Verantwortung des kritischen Medienkonsumenten beschäftigen.

Videosonntag: La Gacilly Baden (1): Über Brent Stirton

Am 15. Juni 2019 gab es eine Presseführung durch die Ausstellungen des diesjährigen La Gacilly Baden Fotofestivals. Im Rahmen des Themas „Hymne an die Erde“ wurde auch das Fotoprojekt des südafrikanischen Fotojournalisten Brent Stirton präsentiert. Stirton selbst konnte leider nicht anwesend sein.

Ich werde in den nächsten Tagen einige andere Videos über dieses bemerkenswerte Festival auf meinem Blog freischalten.

Das 2. Photofestival La Gacilly Baden ist eröffnet

Lois Lammerhuber

Vor einem Jahr hat der österreichische Fotograf und Verleger Lois Lammerhuber als spiritus rector das seit 2004 in der Bretagne stattfindende Fotofestival La Gacilly nach Baden bei Wien gebracht. Und die Besucherzahlen sprechen für sich:

189 258 Menschen haben im vergangenen Jahr dieses außergewöhnliche fotografische Ereignis besucht, davon waren 54,34 % weiblich und 45,66 % männlich.

Stand das Festival im vergangenen Jahr unter dem Motto „I love Africa“, heißt das Thema heuer: „Hymne an die Erde“. Unwillkürlich habe ich an Jura Soyfers grandioses „Lied von der Erde“ gedacht, als ich die ersten Vorabinformationen bekommen hatte:

 Denn nahe, viel näher, als ihr es begreift,

Hab ich die Erde gesehn.

Ich sah sie von goldenen Saaten umreift,

Vom Schatten des Bombenflugzeugs gestreift

Und erfüllt von Maschinengedröhn.

 

Ich sah sie von Radiosendern bespickt;

Die warfen Wellen von Lüge und Hass.

Ich sah sie verlaust, verarmt – und beglückt

Mit Reichtum ohne Maß.

 

Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde,

Voll Leben und voll Tod ist diese Erde,

In Armut und in Reichtum grenzenlos.

Gesegnet und verdammt ist diese Erde,

Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde,

Und ihre Zukunft ist herrlich und groß.

Denn die auf dem Festival vertretenen Fotografinnen und Fotografen haben so unterschiedliche Annäherungen an diesen unseren Planeten zu bieten, dass wir genau dieses Wechselbad aus Schönheit und Zerstörung, Erhabenheit und Vernichtung eindrücklich vor Augen geführt bekommen.

Thomas Pesquet, Philippe Bourseiller, Jean Gaumy, Olaf Otto Becker, Matthieu Ricard, William Albert Allard, Shana & Robert ParkeHarrison, Karen Knorr, Jan C. Schlegel, Michael Nichols, Emil Gataullin, Claudia Andujar, Miguel Dewever-Plana, Brent Stirton, Fausto Podavini, Emanuele Scorcelletti, Frédéric Delangle, Phil Hatcher-Moore, Édouard Elias, Catalina Martin-Chico, Stéphane Couturier, Patrick Tourneboeuf, Chris Jordan, Matjaz Krivic, Laetitia Vancon, Andréa Mantovani, Joséphine Brueder, Gerd Ludwig, Pascal Maitre sowie Cooper & Gorfer zeigen uns ihren Blick auf die Welt wie sie ist.

Die Eröffnung beim Brusattiplatz in Baden. Journalistinnen und Journalisten aus zahlreichen Ländern und aus Österreich waren anwesend. Klarerweise waren die französischen Medien besonders stark vertreten.

In den nächsten Tagen werde ich hier einige Aspekte des Festivals detaillierter beleuchten und auch das eine oder andere Videointerview zu La Gacilly Baden online stellen.

Last but not least sei an dieser Stelle dem gesamten Team von Lois Lammerhuber gedankt, das mit größter Professionalität und persönlicher Leidenschaft ein wirklich bemerkenswertes kulturelles Ereignis ermöglicht haben.

Die Open-Air-Ausstellungen in Baden sind bis 30. September zu sehen!

Videosonntag: Im Zeitraffer durch die Geschichte der Kriegsberichterstattung

Zunächst ein Dank an alle, die auf den letzten und abschließenden Teil meines Essays über Kriegsfotografie warten. Nein, die Serie ist nicht vergessen, aber aus persönlichen Gründen konnte ich leider den Text noch nicht fertig schreiben. Aber, um einen bekannten apokalyptischen Prediger zu zitieren: Das Ende ist nah! 😉

Als kleine Überbrückung ein kurzes, aber sehr gut gestaltetes Video über die Geschichte der Kriegsfotografie.