Videosonntag: Impressionen von der Paris Photo 2016

Im November findet in Paris die diesjährige Messe Paris Photo statt – ein wichtiger Treffpunkt für Fotografinnen und Fotografen, Verlage, Fotozeitschriften, Druckereien (und auch Hersteller von Kamerasystemen). Schwerpunkt ist in Paris aber weniger der technische, sondern mehr der künstlerische Bereich. Zur „Halbzeit“ zwischen den Ausstellungen ein kleiner Rückblick auf Paris Photo 2016.

Videosonntag: Robert Frank, The Americans

Robert Frank, geboren 1924 in Zürich, absolvierte in der Schweiz eine solide Berufsausbildung zum Fotografen. 1947 reiste er zum ersten Mal nach New York.

1959 erschien sein Fotobuch „The Americans“, das bis heute beeindruckend geblieben ist. Warum, erklärt das folgende Video.

Welches Bild wird 2016 prägen?

Es gibt sie, diese „ikonischen Bilder“. Fotos, die so stark sind, so einprägsam, so erschütternd, so emotionalisierend, manchmal auch so lächerlich, dass sie im kollektiven Gedächtnis verankert werden. Wer das Bild sieht weiß, zumindest ungefähr, was es damit auf sich hat. Der unbekannte einsame junge Mann, der mit voller Kraftanspannung 1968 in Paris einen Stein gegen die mit Schildern bewehrten Spezialpolizisten der CRS schleudert; die kleine Kim Phuk, die 1972 brennend vor einem Napalmangriff davonläuft;  der „tank man“, der am 5. Juni 1989 alleine, wie ein Standbild, auf der Straße des Himmlischen Friedens in Beijing einer Panzerkolonne den Weg abzusperren versucht.

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Mai 68, Paris

Was wird an ikonischen Bildern von 2016 bleiben?

Das Bild von Omran Daqneesh, dem fünfjährigen Buben aus Aleppo, der nach einem Bombenangriff aus den Trümmern geborgen wurde?

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Gerade dieses Bild zeigt die Zwiespältigkeit des Umgangs mit erschütternden Bildern. Denn das Bild ist tatsächlich erschreckend – der Blick des unter Schock stehenden, staubbedeckten Kindes geht wohl jedem Betrachter durch und durch.  Aber das alleine reicht offensichtlich nicht, um ein Bild „ikonisch“ zu machen. Denn unmittelbar nach der Veröffentlichung des Fotos (aufgenommen von Mahmoud Raslan) begann ein Medienkrieg um die Authentizität. Der Fotograf berichtete in Interviews davon, wie er die Rettung des kleinen Omran durch die „Weißhelme“ beobachtet und dokumentiert hatte.

Genau hier setzte die Kritik an dem Foto an – nicht zuletzt durch Syriens Diktator Assad selbst, der das Bild in einem Interview mit dem „Independent“ als manipuliert bezeichnete. Tatsächlich werden die Weißhelme in den meisten westlichen Mainstream-Medien als unpolitische Hilfsorganisation dargestellt – andere Beobachter sehen sie als eine Frontorganisation der dschihadistischen al-Nusra-Front, die unter einem humanitären Deckmantel Geld für die Islamisten sammeln und propagandistisch eingesetzt werden.

Ikonisch scheint ein Bild nur dann werden zu können, wenn es „unumstritten“ ist, wenn es mehrheitsfähig eine bestimmte Interpretation der Wirklichkeit gestattet. Niemand, auch Assad nicht, hat angezweifelt, dass dem Kind Schreckliches widerfahren ist. Aber dieses Schreckliche als Sinnbild eines Krieges ohne klare Fronten ist offenbar im 21. Jahrhundert nicht ausreichend, um dieses Bild auf lange Zeit mit den Ereignissen in Syrien zu verschmelzen oder zum „Bild des Jahres 2016“ zu werden.

Mehr Chancen hat da wohl das Bild von der Ermordung des russischen Botschafters Andrej Karlow in Ankara am 19. Dezember 2016:

attentat-karlowDer türkische Fotograf Burhan Ozbilici war bei der Ausstellungseröffnung in unmittelbarer Nähe Karlows, als der 22-jährige Attentäter den russischen Diplomaten niederschoss. Und dann – das Foto. Der Mörder, vor der Leiche des Opfers, die Linke anklagend nach oben gestreckt und gestikulierend, in der rechten Hand die Pistole. Kein bärtiger Fanatiker im Tarnanzug oder mit Sturmmaskem ein adretter junger Mann im Anzug, mit dünner Krawatte, vor weißen Galeriewänden, an denen Fotos aus Moskau hängen. Deutlich am Bild links vom Attentäter eine der historischen Kanonen im Kreml erkennbar.

Vielleicht ist es diese beinahe filmreife „Ästhetik“, die das Bild ikonisch machen wird. Die es einprägsamer macht. Die es „gewohnter“ und damit leichter erträglich macht als andere Bilder, die wir im Jahr 2016 gesehen haben.

Wie das folgende:

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Das war im Jänner 2016, in der Ägeis, als 30 tote Flüchtlinge angeschwemmt wurden, darunter dieses Kind mit seinen rührend kleinen blauen Söckchen.

Es ist an der Zeit darüber nachzudenken, warum uns das Bild eines fanatischen Mörders stärker fasziniert als das Bild eines ertrunkenen Kindes. Was ist schief gelaufen in unserer visuellen Erziehung?

Das Miami Street Photography Festival 2016

Vom 1. – 4. Dezember findet das Miami Street Photography Festival statt. Im folgenden der Link zur offizielle Website des events – unerhört viele anregende Texte, Videos, Fotos! Enjoy!

 

http://www.miamistreetphotographyfestival.org/

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Bridgekamera oder Spiegelreflex? Ask Obama :-)

Manchmal fragen mich Freunde, warum ich jetzt sehr häufig mit einer Bridgekamera unterwegs bin. „Diskretion“, antworte ich. Wichtig bei streetphotography, aber auch dort, wo sich Leute durch das Auslösegeräusch gestört fühlen könnte. Was ich meine? Schaut und hört 🙂

Eyes on: Der Bolivienkoffer

Es gibt sie noch, die echten Entdeckungen. Dazu gehören die Negative eines bolivianischen Fotografen, die ein Wiener Designer durch Zufall in Wien bei einem „Altwarentandler“ gefunden und erstanden hat. Hier die unglaublich klingende Geschichte:

(übernommen aus der Präsentationsseite von „eyes on“):

Bei einem Trödler in Wien erwirbt der Designer Alfred Burzler einen Handkoffer samt Inhalt – zahlreiche zusammengerollte Schwarzweiß-Negativstreifen. Wie sich herausstellt, stammen die ca. 1.200 Mittelformat-Negative aus den 1950er-Jahren und sind in Bolivien aufgenommen worden. Das Vintage-Bildmaterial umfasst dabei sämtliche Bereiche bolivianischen Lebens: Politik, Kirche, Kultur und Gesellschaft, aber auch Alltag der Minenarbeiter oder Brauchtum der indigenen Volksgruppe. Erstaunlich ist, dass sich unter den abgebildeten Personen einige sehr prominente AmerikanerInnen (u.a. Richard Nixon, Grace Kelly, John Wayne) befinden. In der Biografie des Fotografen, dessen Identität nach längerer Recherche festgestellt werden konnte, findet sich die Erklärung: Leopoldo Yelincic (1927–2002), ein in La Paz lebender, kroatisch-stämmiger Pressefotograf, war in den 1950er-Jahren für den amerikanischen Informationsdienst (USIA) tätig.

Der gesamte Kofferinhalt wird in der Ausstellung auf Leuchttischen ausgebreitet: ein unsortierter und unkommentierter Auszug aus dem Werk eines Pressefotografen. Die BesucherInnen haben die Möglichkeit, neue Abzüge im Format 18 x 18 cm von den Negativen zu bestellen.

KuratorInnen: Theresa Schütz und Rainer Steurer

Ein Besuch dieser bemerkenswerten Ausstellung lohnt sich!

Wo:?

Das T/abor, Taborstrasse 51/3, 1020 Wien

Die Lust an der “Orwellness” und die Allgegenwart des Visual Man in Raum und Zeit

Nein, es ist nicht selbstverständlich, dass man heutzutage ein Buch in die Hände bekommt, das so ziemlich alles an sich hat, was ein Buch “schön” macht: Aufwändige Gestaltung, lesefreundliche Typographie, übersichtliches Layout und einen Schreibstil, der anschaulich ist und kompetent Wissen vermittelt. Und dann dieses Wunderbuch noch zu einem Preis, der absolut nicht überzogen ist.

Sind Sie jetzt gespannt? Dann greifen Sie zu “Das visuelle Zeitalter / Punkt und Pixel” von Gerhard Paul, erschienen im Wallstein-Verlag zum Preis von 41,10 Euro. Paul, Professor für Geschichte und Didaktik an der Europa-Universität Flensburg, entwickelt auf 758 Seiten die Geschichte des “Visual Man”. Der “Typographical Man” war der Mensch des “Gutenberg-Universums” – irgendwann zwischen 1870 und 1890 beginnt der Prozess, der den “Augenmenschen” (© Fritz Lang) hervorbringt.

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Alle Abbildungen zeigen Doppelseiten des rezensierten Buchs!

Die Verbesserung der grafischen (Re)Produktionstechnologien, die Entstehung neuer Bilderwelten, die häufiger werdende Begegnung mit bildlichen (fotografischen) Darstellungen verdrängt die “klassisch bürgerliche Praktik” der Schriftlichkeit. Paul sieht im “Visual Man” den Bewohner des globalen Zeitalters: die neuen visuellen Medien (erst illustrierte Zeitungen, dann “echte” Illustrierte, dann die Medien Film und Television) machen die Welt für die Menschen [in den Teilen der Welt, wo aufgrund der ökonomischen und sozialen Entwicklungen ein Zugang zu diesen Medien besteht] “allgegenwärtig” und buchstäblich anschaulich.

Im Prozess der Entwicklung des “Visual Man” mussten die Menschen umlernen – sie mussten bildliche Darstellungen verstehen, interpretieren, entschlüsseln; Paul erläutert das sehr lebendig an einem Beispiel, das jeder von uns kennt und zeigt, wie der Mensch blitzschnell ein grafisches Zeichen erkennen und in eine Handlung umsetzen muss: beim Rot einer Ampel hat man stehenzubleiben, beim “rot umrandeten, mit der Spitze nach unten weisenden Dreieck in Achtungstellung zu gehen”. (S.742)

wp-1478510450570.jpegGerhard Paul weist überzeugend nach, wie schwierig der Lernprozess war und ist, Bilder nicht grundsätzlich als “wahr” anzunehmen. Das wird dadurch erschwert, dass die Welt der Bilder nicht nur zu einer Aufhebung räumlicher Distanzen führt – dank Bildreportagen, TV-Dokumentationen, aber auch durch Spielfilme sind wir heute in den Regenwäldern des Amazonas visuell ebenso zuhause wie in den Ruinen von Aleppo oder den durchgestylten Anwaltsbüros in Washington, D.C.; auch zeitliche Grenzen verschwinden – was war, was ist – Vergangenheit und Gegenwart schmelzen zusammen, zur Bekräftigung der Wahrnehmung sagt der Visual Man nicht selten “Das war wie im Film”.

Gleichzeitig ist der Visual Man “Subjekt wie Objekt” der Überwachung. Die Lust an der Sichtbarmachung des Selbst, eine Art visueller Exhibtionismus, erleichterte von Haus aus Überwachung und Kontrolle. Bilder waren einfach da, und die Menschen hatten nicht gelernt, Distanz zu ihnen zu wahren oder Strategien zu entwickeln, wie man zwischen Authentizität und Fiktion unterscheiden könne. Die “Orwellness” prägt so unsere Gegenwart,

Paul nimmt die Leserin, den Leser auf eine extrem spannende und unterhaltende Reise durch die Welt der Bilder mit. An die tausend Bildbeispiele werden analysiert. Wir lernen Bilder kennen – als Mittel der Bildung (Schautafeln im Unterricht zum Beispiel), der Wissenschaft (bildgebende Techniken in der Medizin), der Propaganda (exemplarisch aufgearbeitet an einer Untersuchung der Bildsprache des Nationalsozialismus), der Information (Bildjournalismus), der Kriegsführung und der polizeilichen Arbeit …

wp-1478510450575.jpegJa – leider, die Rezension ist “trockener” als das Buch. Aber keine Sorge – die lebendige Aufbereitung des Themas macht Sie auch Trivial-Pursuit-tauglich. Oder haben Sie jemals darüber nachgedacht, seit wann es die heute noch hauptsächlich bei Kindern heißgeliebten Sammelbildchen gibt? Und dass die Firma Stollwerck um 1900 jährlich 600 verschiedene Serien mit über 50 Millionen Bildchen herausbrachte?

“Das visuelle Zeitalter” ist, so seltsam das klingen mag, ein wissenschaftliches Buch, das sich auch hervorragend als “Buch für die ganze Familie” eignet. Der “Visual man” sollte auch einmal einen Schritt zurücktreten, um aus der Distanz einen neuen, kritischen Blick auf “seine” Bilderwelt zu werfen. Der lebendige Stil, mit dem ein “sperriges” Thema behandelt wird, macht dieses Werk auch für Jugendliche bestens geeignet. 

Gerhard Paul
Das visuelle Zeitalter / Punkt und Pixel
Wallstein-Verlag, 758 Seiten, 41,10 EUR

Susie Linfield on Photography and Violence – The New Yorker

The Exchange: Susie Linfield on Photography and Violence
November 22, 2010

Do photographs provide our most immediate connection to truth, or do they confuse, mislead, or tell outright lies? In “ The Cruel Radiance: Photography and Political Violence ,” out now from the University of Chicago Press, Susie Linfield examines what photographers and the images they capture can tell us about the human catastrophes of the modern age—from the Warsaw Ghetto and Auschwitz, to China during the Cultural Revolution, to more contemporary locations of violence and oppression: Sierra Leone, Sudan, Afghanistan, and Abu Ghraib. Linfield , an associate professor of journalism and director of the Cultural Reporting and Criticism program at New York University (of which, to note, I am a graduate), takes on the questions: “Can photography itself make the world more livable? Can it justify its claims to give a voice to the silent and expose the plight of the powerless?…can it illuminate the dark?”

You write that for many critics “photography is a powerful, duplicitous force to defang rather that an experience to embrace and engage.”

Photographs start becoming a mass form, and start being written about as a mass form, in the Weimar Republic, which of course was the most crisis-ridden moment of modernity—and a prelude to utter catastrophe. For some very good reasons, photographs were seen by some of the Weimar writers—and especially by some of the Frankfurt School critics—as a kind of opiate of the people: as a form that couldn’t really explain the political contradictions, a form that appealed only to sentiment and not to the intellect. Siegfried Kracauer, for instance, warned that “the image-idea drives away the idea.” And Brecht, who I think of as a kind of father-figure, or superego, of the Frankfurt critics, loathed photographs; he regarded them as a form of sentimentality, as a barrier to political knowledge.

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