Bildfälschung: Wie in der „Krone“ ein Europaabgeordneter der Grünen in den „Schwarzen Block“ kommt

Im Rahmen meines Blogs habe ich mich immer wieder mit dem Thema der Bildfälschung beschäftigt. Im Gegensatz zur Fotomontage, bei der für den Betrachter ersichtlich teilweise kontroversielle Bilder zusammenmontiert werden, um einen bestimmten Zweck zu erreichen – Erheiterung, vertiefte Einsicht, Satire – ist die Bildfälschung nicht sofort als solche zu erkennen und soll es in den meisten Fällen auch gar nicht sein.

Die Bildfälschung ist ein Instrument der Manipulation und wird daher beispielsweise von Fotoagenturen schwer geahndet – selbst prominente Pressefotografen können innerhalb kürzester Zeit jeden Kredit verspielen, wenn ihnen Manipulationen an Bildern nachgewiesen werden. Selbst kleine Retuschen können da schon reichen, um eine Karriere ein für allemal zu zerstören „Bildfälschung: Wie in der „Krone“ ein Europaabgeordneter der Grünen in den „Schwarzen Block“ kommt“ weiterlesen

Dubiose Fotos oder: Ein Bild lügt mehr als 1.000 Worte

Am 24. und 25. Juni 2017 veröffentlichte die KRONEN-ZEITUNG in ihrer Online-Ausgabe und in der Sonntags-Printausgabe einen Artikel, der beweisen sollte, was „in vielen der 150 islamischen Kindergärten“ in Wien falsch laufe: bereits verschleierte Kinder, „vollverschleierte Frauen“ brächten diese bedauernswerter Würmer in einen islamischen Kindergarten in Liesing. Und die Beweislast ist erdrückend: Fotos von verschleierten Kindern, die „ein Leser der ‚Krone‘ (…) aus einem Islam-Kindergarten in Wien-Liesing zugespielt“ habe. Und Fotos lügen nicht. Oder doch?

Tatsächlich halten Fotos Realitäten fest – im Zeitalter von Photoshop, GIMP, oder was auch immer, sind Montagen und Fälschungen allerdings wesentlich leichter als, sagen wir in den 30er Jahren, als man mit Schere und Klebstoff missliebige Personen aus Fotos und damit der Geschichte verschwinden ließ (ja, ich denke konkret an die stalinistischen Bildfälschungen).

Die perfidere Form der Fälschung ist es, Bilder in einen falschen Kontext zu stellen, sie mit falschen Bildunterschriften zu versehen, ihnen eine Botschaft zuzuschreiben, die sie definitiv nicht haben.

In der Kopfleiste dieses Beitrages findet ihr das Faksimile des KRONE-Artikels. Auf folgender Webseite findet ihr die Bilder, die „der Zeitung zugespielt“ worden sind – und die, sagen wir jetzt einmal völlig unmaliziös, vermutlich im guten Glauben für bare Münze genommen und daher ungeprüft veröffentlicht wurden:

https://photos.google.com/share/AF1QipO9bO8ZTy_ANCTxI4UB1rPwooyjJN3EIir7I4CupB1S91CVexSE98uJUZTWyx40GQ?key=bEMxVWFiT3VHb0NlNDBuMHN3VFpCYTMtN1VKbUtn

Unschwer lässt sich erkennen: Die Fotos der „KRONE“ stammen nicht aus einem „islamischen Kindergarten in Liesing“, sondern von einem Sommerfest des Islamischen Zentrums in Wien (Bruckhaufen). Dass im Rahmen eines religiös ausgerichteten Beitrags zum Fest Programm auch Kinder verschleiert auftreten, mag einem gefallen oder nicht – das ist aber vermutlich weniger ein „Dschihadismus-Problem“, sondern mehr Folklore, vermute ich.

Übrigens – wenn man sich die Bildergalerie des Islamischen Zentrums von diesem Fest ansieht, wird man eine sehr große Zahl unverschleierter Frauen erkennen, und zwar nicht in nach Geschlechtern getrennten Bereichen, sondern inmitten des allgemeinen Festbetriebes (ich überlasse die „Kopfzählung“ begeisterten Statistikern, die ausrechnen mögen, wie das Verhältnis verschleiert zu unverschleiert bei diesem Fest aussah).

Aber zurück zur KRONE: hier stellen sich etliche Fragen. Darf ein Massenblatt wirklich so naiv sein, ohne Gegencheck Fotos zu veröffentlichen, bloß weil „ein Leser“ eine bestimmte Interpretation dazu übermittelt? Darf ich der Kronen-Zeitung tatsächlich so viel „guten Glauben“ zugestehen?

Warum hat sich die KRONE nicht deutlich von dieser Manipulation durch Fotos distanziert, sondern eine Volte geschlagen: OK, die Fotos seien vielleicht nicht ganz korrekt zum Artikel passend, die behaupteten Fakten seien aber „wahr“. Nur – warum werden die Fotos einerseits als Beweis für die Behauptungen über die islamischen Kindergärten abgedruckt – und dann sind diese Behauptungen wahr, obwohl die Beweismittel gefälscht sind? Sehr sonderbar.

Mit anderen Worten: Misstrauen gegen „starke Bilder“ zu umstrittenen Themen ist angesagt. Auch wenn es oft wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel ist – man darf derartige Manipulationen nicht hinnehmen. Es ist Teil einer lebendigen Erziehung zum kritischen Umgang mit Medien, solche Machenschaften penibel zu untersuchen und zu widerlegen.

Manipulative Bilder – heute: die Online-Krone und das Christbaumkomplott

Dass man mit Bildern manipulieren kann, ist hinlänglich bekannt. Ein ungünstiges Porträt („Meuchelfoto“) kann eine Person Achtung und Sympathie kosten;  Bilder direkt zu bearbeiten und „Unpersonen“ verschwinden zu lassen war eine lang geübte Praxis der stalinistischen Bürokraten; Tierfotos Menschenfotos gegenüber zu stellen war ein Instrument der nationalsozialistischen Bildsprache, um „Untermenschen“ zu Ent-Menschlichen und ihre Vernichtung vorzubereiten.

Eine besondere Form der Manipulation mit Bildern zeigt die heutige Online-Ausgabe der Kronen-Zeitung (krone.at). Dort finden wir folgenden Artikel:

weihnachtsbaum1
Screenshot vom 8. 11. 2016, 12.25 Uhr

Jeder Wienerin, jedem Wiener ist sofort klar: Hier sehen wir den traditionellen Weihnachtsbaum vor dem Wiener Rathaus.

Die Quelle des „Symbolbildes“ ist der lizenzfreie Fotodienst thinkstockphotos.de, das Bild stammt von Gettys. Sucht man auf der Webseite des Anbieters nach „Weihnachtsbaum“, kommt man auf etwa 6.000 Fotos. Wenn man nach „weihnachtsbaum rathaus wien“ sucht, kommt man auf eine handvoll Bilder. Das von der krone.at verwendete Bild ist ein Detailausschnitt aus folgendem Foto:

http://www.thinkstockphotos.de/image/stock-foto-vienna-s-city-hall/136183264/popup?sq=weihnachtsbaum%20rathaus%20wien/f=CPIHVX/s=DynamicRank

Die inkriminierte Geschichte (auf die wir näher eingehen werden) spielt sich aber in Düsseldorf ab. Würde man auf thinkstockphotos.de nach „weihnachtsbaum rathaus düsseldorf“ suchen, fände man allerhand:

http://www.thinkstockphotos.de/search/#weihnachtsbaum rathaus düsseldorf/f=CPIHVX/s=DynamicRank

Welchen Schluss kann man aus der Bildauswahl ziehen?

Aber offenbar kommt es bei der Auswahl des Bildes weniger auf den realen Meldungsinhalt an, sondern auf die Herstellung eines unmittelbaren Gedankenzusammenhanges bei den Personen, die auf die krone.at-Seite klicken: Das Blatt, das sich ja generell wie das nicht deklarierte Zentralorgan der „sozialen Heimatpartei“ liest, versucht durch ihre Bildsprache den ersten Eindruck zu verwenden: „Grüne wollen aus finsteren Beweggründen Weihnachtstanne in Wien loswerden“.

Im Vorspann wird Düsseldorf genannt – scrollt man im Artikel weiter hinunter, findet man ein Video:

weihnachtsbaum2
Screenshot vom 8. 11., 12.25

Wieder wird mit der Bildsprache operiert: Man sieht den Transport der Weihnachtstanne in Wien – „ein echter Wiener“, ein weiteres Reizwort…

Wenn man die Story auf ihren realen Hintergrund abklopft, ist sie bei weitem weniger reißerisch:

weihnachtsbaum3

Worum geht es eigentlich? „Nach dem Pfingstorkan Ela möchten wir, dass ein Umdenken stattfindet. Wir können Bäume nicht mehr so behandeln wie beliebige Wegwerfartikel“, sagt Andrea Vogelgesang von der Baumschutzgruppe. Deshalb haben die Umweltschützer den Antrag gestellt. „Es geht uns aber nicht darum, den Düsseldorfern die Vorweihnachtsfreude zu nehmen“, sagt Andrea Vogelgesang. „Wir möchten vielmehr, dass an mehreren Stellen der Stadt Tannen gepflanzt und dann jährlich zu Weihnachten geschmückt werden.“ Die Baumschützer nehmen die Tanne auf dem Staufenplatz als Vorbild. Und schlagen neben dem Rathausvorplatz etwa den Brehmplatz vor, wo Ela auch für einen deutlich Kahlschlag gesorgt hat.

Düsseldorfer Weihnachtsbaum kommt aus Norwegen
Bisher schickt die norwegische Stadt Lillehammer jedes Jahr den Weihnachtsbaum nach Düsseldorf. Dass dafür eine 30 bis 40 Jahre alte Tanne gefällt und nach vier adventsseligen Wochen in Düsseldorf schnöde entsorgt wird, halten die Umweltfreunde für nicht mehr zeitgemäß.

Kein Weihnachtsbaum vor dem Rathaus in Düsseldorf? | NRZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/nrz/staedte/duesseldorf/hick-hack-um-den-weihnachtsbaum-id9971367.html#plx63419040

Die NRZ gehört übrigens zur WAZ-Medien-Gruppe.

Wenn man sich dann der undankbaren Aufgabe unterzieht, zu den Leserkommentaren hinunter zu scrollen wird klar: „Mission complete“:weihnachtsbaum4

 

Dass natürlich die üblichen Gewaltphantasien (Christbaum mit daran hängenden Grünen und Gutmenschen…) ebenso wenig fehlen dürfen wie die Angst vor dem Muezzin vor dem (Wiener) Rathaus ist klar.

Ob die geballte Ladung Hass, die uns hier entgegenquillt, auch bei Verwendung eines anderen Aufmacherfotos (z. B. einem vom Rathaus in Düsseldorf?) so ergiebig geflossen wäre? Das kann ich nicht verifizieren, nur vermuten.  Jedenfalls sollte man gerade auch im Internet einen kritischen Blick für die Macht des manipulativen Bildes haben.