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Susan Meiselas im Kunsthaus Wien

Zur Zeit gibt es im KunstHaus Wien (bis zum 13. Februar 2022) eine der bedeutenden amerikanischen Fotografin Susan Meiselas gewidmete Personale zu sehen.

Die 1948 geborene Fotografin studierte visuellen Kommunikation in Harvard und unterrichtete anschließend an New Yorker Schulen Film und Fotografie. In dieser Zeit entstanden zwei Projekte: Carnival Strippers (1972–1975) und Prince Street Girls (1975–1992). Drei Sommer lang dokumentierte sie das Leben von Frauen, Frauen, die auf Jahrmärkten als Striptease-Tänzerinnen auftraten. Die Prince Street Girls, ein Langzeitprojekt, entstanden ab 1974, als Meiselas in ein Quartier in Little Italy übersiedelte. Eine Gruppe von Kindern erregte das Interesse der Fotografin, und über mehrere Jahre begleitete Meiselas die Mädchen in ihrer Entwicklung zu jungen Frauen. So entstand eine unerhört lebendige Geschichte über das Erwachsenenwerden in diesem Teil New Yorks.

Susan Meiselas vor einem Foto aus der Prince-Street-Girls Serie

1976 erschien „Carnival Strippers“ in Buchform und ebnete Meiselas den Weg zur Mitgliedschaft in der von Henri Cartier-Bresson und Robert Capa mitbegründeten Fotoagentur Magnum.

1978/79 ging sie nach Nicaragua – nicht als Kriegsreporterin, sondern um selbst zu verstehen, welcher Prozess in dem mittelamerikanischen Land ablief. Das Regime des verhassten Diktators Somoza stand vor dem Zusammenbruch, der Aufstand der (hauptsächlich sehr jungen) Sandinistas wurde von der Diktatur mit US-amerikanischer Hilfe brutal bekämpft. Trotzdem war Somoza nicht zu retten.

In den letzten Tagen vor dem Sturz des Somoza-Clans entstand ein ikonisches Bild, das Susan Meiselas weltberühmt machen sollte: Der berühmte „Molotov-Man“. Man muss sich vergegenwärtigen dass damals Fotos aus Krisengebieten nicht wie im digitalen Zeitalter fast zeitgleich über das Internet an die Agenturen und Redaktionen geschickt werden konnten. Maiselas fotografierte in Schwarzweiß (diese Aufnahmen konnte sie an Ort und Stelle entwickeln) und in Farbe (diese Filme wurden auf teilweise abenteuerliche Weise außer Landes geschmuggelt und dann nach Paris befördert, wo Magnum seinen Sitz hatte). Das heißt, dass die Fotografin selbst nur indirekt, über die schwarz-weißen Kontaktabzüge, auf die Farbfotos verweisen konnte, die sie selbst er später sehen konnte. Das Bild des jungen Sandinisten Pablo „Bareta“ Arauz, der einen aus einer Pepsiflasche gebauten Molotowcocktail auf eines der letzten Regimenter der Nationalgarde Somozas schleuderte wurde auf Dutzenden Broschüren, Flugblättern und Plakaten verwendet, zierte T-Shirts, tauchte als Wandgemälde in- und außerhalb Nicaraguas auf, wurde zu einem Symbolfoto der sandinistischen Revolution.

Susan Meiselas beschäftigte sich in ihren Projekten auch mit anderen mittel- und südamerikanischen Ländern – Salvador und Chile. Einen weiteren Fokus legte sie auf das Schicksal des kurdischen Volkes. 1991, zu Beginn des Irakkrieges, wusste fast niemand in den USA etwas über die Kurden, erinnert sich Susan Meiselas. Für sie war es der Beginn einer fotografischen Archivarbeit. „Kurdistan – im Schatten der Geschichte“ ist eine visuelle Aufarbeitung der Geschichte eines Volkes, das bis heute keinen eigenen Staat gründen konnte.

Full House beim Artists Talk mit Susan Meiselas im KunstHaus Wien

Aber die Fotografin setzte sich auch eindrücklich mit den Schattenseiten der USA selbst auseinander. Anfang der 1990er-Jahre beteiligte sich Meiselas an einer Sensibilisierungskampagne zum Thema häusliche Gewalt in San Francisco. Wie beim Kurdistan-Projekt beschränkte sie sich nicht auf eigene Fotos sondern verwendete auch Polizeiaufnahmen und Zeitungsberichte, die sie zu Collagen zusammenstellte, die im öffentlichen Raum gezeigt wurden. Dieses „Archive of Abuse“ ist ein erschreckender Einblick in eine oft heruntergespielte Welt der Alltagskriminalität.

Eine berührende Ergänzung findet diese Arbeit im Projekt „A room of their own“: In den englischen West Midlands besuchte Meiselas eine Zufluchtsstätte für Frauen (und deren Kinder), die vor häuslicher Gewalt geflüchtet waren. Wieder entstand ein vielschichtiges Dokumentationsprojekt, das tiefe Einblicke in die gesellschaftlichen Ursachen und Folgen der Gewalt gegen Frauen aus der „Unterschicht“ gewährt.

Wer sich für das Lebenswerk der großen Fotografin und Dokumentaristin Susan Meiselas interessiert, wird an der Ausstellung im KunstHaus Wien nicht vorbeikommen.

Kurt Lhotzky