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Zum Tod von Sabine Weiss (23.7.1924-28.12.2021)

Die schweizerisch-französische Fotografin Sabine Weiss ist am 28. Dezember 2021 in Paris im Alter von 97 Jahren verstorben. Sie war die letzte lebende Repräsentantin jener französischen Richtung in der Fotografie nach dem 2. Weltkrieg, die als „humanistische Fotografie“ maßgeblichen Einfluss auf nachkommende Generationen hatte.

1924 in der Schweiz in einer Familie von Chemikern geboren, begann sich Weiss, geborene Weber, schon in ihrer Jugend mit der chemischen Seite des Fotografierens zu interessieren und fabrizierte sogar eigene Filme. Zwischen 1942 und 1945 absolvierte sie in Genf eine Fotografinnenlehre bei Paul Boisonnas (1902-1983). Rückblickend meinte sie, dass man in der Lehre zwar das Handwerk, aber nicht wirklich die Technik der Fotografie erlernen könne – die müsse man in sich tragen.

1946 ging Sabine Weber nach Paris und wurde Assistentin von Willy Maiwald (1907-1985). Der deutsche Fotograf hatte sich auch erst 1946 in Paris niedergelassen und sollte vor allem durch seine Modefotografie für Christian Dior bekannt werden (dieses Genre ist aber nur ein Teilaspekts seines Werks).

1949 machte sich Sabine Weber selbständig und arbeitete als freischaffende Fotografin. Aufnahmen von ihr erschienen unter anderem in Life, Paris Match und Vogue. 1950 heiratete sie den aus Philadelphia stammenden Maler Hugh Weiss (1925-2007). Aufsehen erregten ihre Küstlerproträts – von Giacometti, Breton oder Francoise Sagan.

In den 40er Jahren war in Frankreich als Reaktion auf die Zensurbestimmungen der Nazis und des Vichy-Regimes eine Bewegung in der Fotografie entstanden, die ohne Wertung das Leben des „einfachen Volkes“, die Realität des Alltags, ablichten wollte. Wie Robert Doisneau (1912-1994) einmal in einem Interview sagte: „Humanistische Fotografie ist eine Schule, die sich den Menschen in ihrem Alltag zuwendet, anstatt grundsätzlich das Sensationelle zu suchen“.

Doisneau gehört ebenso wie Henri Cartier-Bresson, André Kertesz, Brassai und viele andere Größen der damaligen Fotografie zu dieser informellen Bewegung.

Sehr viele Fotos von Sabine Weiss entstanden bei Spaziergängen mit ihrem Mann – gemeinsam durchstreiften sie die Straßen der Stadt, auch des Nachts. Auf einem ihrer bekanntesten Fotos „L’homme qui court“ (Der laufende Mann) ist übrigens ihr Mann Hugh zu sehen, der eine Kopfsteinstraße bei der Garigliano-Brücke entlangläuft.

Zwangsläufig machte Weiss einen Unterschied zwischen ihren „humanistischen“ Fotografien und Auftragsarbeiten: “Um humanistische Fotos zu machen, muss man überall hingehen: in die Regionen, auf die Straßen, in die Städte, in die Vorstädte, aufs Land. Das braucht Zeit. Und um Zeit zu haben, muss man essen. Und so verdiente ich mir meinen Lebensunterhalt mit ganz anderen, eher technischen Reportagen“.

Einen wirklichen Boom erlebten die Fotos von Sabine Weiss in den 70er Jahren – auch ein Ausdruck einer Politisierung des Kunstbetriebs in Frankreich. Eine Reihe von Ausstellungen und Ehrungen waren die Folge. Am Ende ihres Lebens konnte sie auf rund 170 Einzelausstellungen zurückblicken.

Mitunter darauf angesprochen, ob sie es als Frau in diesem Beruf schwerer hatte als männliche Kollegen, verneinte sie stets. Die nur 1,55 m große Fotografin hatte immer ohne Assistenten gearbeitet. Klar war die Ausrüstung oft schwer, aber das war alles für sie zu schaffen.

Unter den Auszeichnungen, die sie für ihr Werk erhielt, seien folgende besonders hervorgehoben: der „Chevalier des Arts et des Lettres“ (1987), der Ordre national du Mérite (2010) und zuletzt der Women In Motion Award for Photography (2020), der ihr beim berühmten Fotofestival in Arles überreicht wurde.

Kurt Lhotzky