Daido Moriyama. Retrospective – FOTO ARSENAL WIEN

Die Wiener Station von Daido Moriyama. Retrospective im FOTO ARSENAL WIEN, kuratiert von Thyago Nogueira und Clare Grafik, ist eine seltene Gelegenheit, einem Künstler dabei zuzusehen, wie er Fotografie nicht als Blick durchs Fenster begreift, sondern als eigenständiges Material untersucht. Moriyama betreibt Fotografie über Fotografie – ein Medium, das sich selbst befragt, zerlegt und neu zusammensetzt. Gerade in Wien, der fünften Station einer international gefeierten Wanderschau, verdichtet sich dieses lebenslange Projekt zu einem Parcours, der gleichermaßen sinnlich, rau und theoretisch erstaunlich präzise ist.

Felix Hoffmann (Foto Arsenal, rechts) und Kurator Thyago Nogueira können mit berechtigtem Stolz eine auch international aufsehenerregende Ausstellung in Wien präsentieren

Körnung statt Illusion

Moriyama ist berühmt – und berüchtigt – für seine grobkörnigen, unscharfen, schräg angeschnittenen Schwarzweißbilder. Sie wollen nichts beschönigen und schon gar keine Illusion von „objektiver“ Wirklichkeit erzeugen. Im Gegenteil: Sie pochen auf ihre eigene „Gemachtheit“. Urbanes Japan der Nachkriegszeit, Begehren, Gewalt, Konsum, Tabus – all das taucht in seinen Bildern auf, aber nie als klassische Reportage mit klarer Botschaft. Jedes Foto wirkt eher wie ein Schlag ins Sehbewusstsein. Genau darin liegt seine Bedeutung: Moriyama ist zugleich einer der einflussreichsten Straßenfotografen überhaupt und ein konsequenter Konzeptkünstler des fotografischen Mediums.

Bilder, die über Bilder nachdenken

Die Retrospektive folgt dieser Haltung konsequent – von frühen Magazinbeiträgen über das radikale Fotobuch „Farewell Photography“ (1972) bis zum bis heute laufenden Selbstpublikationsprojekt „Record“. Moriyama verabschiedet sich früh von der Idee, Fotografie könne ein neutrales Fenster zur Wirklichkeit sein. Für ihn existiert keine saubere Trennung zwischen Realität und Bild: Beide sind Teil derselben zirkulierenden Oberfläche. „Es gibt nichts jenseits des Bildes“ – dieser Gedanke durchzieht die gesamte Schau. Moriyama benutzt Fotografie nicht nur, er kommentiert sie permanent: durch Kopieren, Zerschneiden, Überbelichten, Neu-Montieren, vor allem im Buchformat. Fotografie wird zur dauernden Selbstkritik des eigenen Mediums.

Ausstellung als Versuchsanordnung

Mit über 200 Fotografien, rund 250 Reproduktionen aus Publikationen, seltenen Büchern und audiovisuellen Projektionen entfaltet die Wiener Präsentation ein dichtes Labor fotografischer Moderne.

Entscheidend ist dabei, dass hier nicht bloß Einzelbilder an der Wand hängen. Ganze Serien, Wandinstallationen, Bücher und Magazine stehen im Zentrum. Sichtbar wird: Moriyama denkt nicht in ikonischen Einzelaufnahmen, sondern in Sequenzen, Wiederholungen, Dispositiven – also in genau jenen Formen, in denen Bilder gesellschaftlich zirkulieren. Die Kurator*innen des Instituto Moreira Salles haben über Jahre hinweg Archive durchforstet, um diese medienkritische Dimension ebenso klar herauszuarbeiten wie die gesellschaftliche.

Ikonen – aber nicht als Best-of

Natürlich fehlt „Stray Dog, Misawa“ (1971) nicht: das ikonische Bild mit seinem harten Gegenlicht, der aggressiven Körnung und der leicht verschobenen Kadrierung. Es ist auch das „Ausstellungsbild“ am Plakat. Doch hier fungiert es nicht als Highlight für den schnellen Wiedererkennungseffekt, sondern als Knotenpunkt innerhalb einer systematischen Befragung des Mediums. Ähnlich die Arbeiten aus „Farewell Photography“: zerkratzt, fragmentiert, überbelichtet – als würde das Medium selbst dem Betrachter seine Produktionsbedingungen entgegenschleudern. Die Frage, die sich durchzieht, lautet nicht: Wie schön kann Fotografie sein?, sondern: Was heißt fotografisches Handeln in einer von Bildern überfluteten Gesellschaft überhaupt noch?

Zwischen Dokument und Fiebertraum

Moriyamas Bilder unterlaufen konsequent die Trennung zwischen dokumentarischer Fotografie und subjektiver Bildwelt. Das Alltägliche kippt bei ihm ins Traumartige, ohne den gesellschaftlichen Boden zu verlieren. In der Retrospektive entfaltet sich diese Spannung entlang von Themen wie Urbanität, Konsum, Sexualität und westlichem Einfluss auf Japan nach 1945. Nichts wird glatt illustriert, alles bleibt konflikthaft überlagert. Seine Serien lesen sich wie visuelle Feldforschungen zu Entfremdung, Warenfetisch und zur totalen Durchdringung des Alltags durch Bilder – eine fotografische Entsprechung dessen, was materialistische Theorie als Widerspruch zwischen Produktion, Ideologie und Wahrnehmung analysiert.

Bücher, Magazine, Zirkulation

Besonders stark ist der Fokus der Ausstellung auf Fotobücher, Magazine und Serien. Moriyamas Praxis erscheint hier klar als editorische und distributive Arbeit. Das eigentliche Werk ist nicht das singuläre Bild, sondern das vervielfältigte, neu montierte, zirkulierende Bild. Fotografie wird zur Praxis von Reproduktion, Layout und Sequenz. Genau hier trifft die Schau den Nerv von Moriyamas eigener Theorie: „reale“ und „virtuelle“ Bilder sind gleichwertig. Die kapitalistische Bilderökonomie selbst wird zum Material seiner Arbeit.

Wien als Resonanzraum

Dass diese Retrospektive nach São Paulo, Berlin, London und Helsinki nun im Wiener Arsenal gezeigt wird, wirkt alles andere als zufällig. Eine Stadt mit der Geschichte der Avantgarden, des Roten Wien und kritischer Theorie bietet einen passenden Resonanzraum für Moriyamas aggressive, urbane Bildpolitik. Im Arsenal, einem Ort mit industriell-militärischer Vergangenheit, entfalten seine Bilder eine zusätzliche Schärfe. Hier prallen mediale Gewalt, urbane Moderne und historische Konflikte sichtbar aufeinander. Die internationale Kanonisierung Moriyamas – etwa durch die Guardian-Auszeichnung als beste Fotoausstellung des Jahres – verbindet sich in Wien überzeugend mit einer lokalen Tradition kritischer Kulturproduktion.

Eine beispielhafte Retrospektive

„Daido Moriyama. Retrospective“ im FOTO ARSENAL WIEN ist eine beispielhafte Retrospektive, weil sie Moriyama weder auf einen Stil reduziert noch ihn bloß als Chronisten Japans präsentiert. Stattdessen wird seine Arbeit als jahrzehntelange, konsequente Untersuchung der Bedingungen fotografischer Bilder lesbar. Die Fülle der Werke, die zentrale Rolle der Publikationen und die klare kuratorische Linie verbinden ästhetische Wucht mit theoretischer Schärfe. Felix Hoffmann und sein gesamtes Team haben hier Großartiges geleistet. Eine Ausstellung für alle, die Fotografie nicht als bloße Abbildung verstehen, sondern als Medium der Kritik.

Kurt Lhotzky, Text und Fotos

Eine Besprechung der genauso exzellenten Ausstellung “Michelle Piergoelam – Across the Water” folgt in den nächsten Tagen

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