Videosonntag: Das Europäische Festival der Aktfotografie 2017, Arles

Vom 5. bis 14. Mai fand in Arles das 17. Europäische Festival der Aktfotografie statt. Die Initiative zu einer eigenen europaweiten Veranstaltungsreihe über Aktfotographie wurde 2001 von Bruno Rédarès und Bernard Minier ergriffen. Arles ist ja durch die „Rencontres“ eines der großen europäischen Zentren der Fotografie. Völlig unabhängig von den „Rencontres“ kann das Festival im Schnitt 15.000 Besucher anlocken, die Ausstellungen besuchen, an Vorträgen und Diskussionen teilnehmen oder bei Workshops mitmachen.

Wurde 2016 mit China ein weitgehend unbekanntes Land vorgestellt, in dem das Genre der Aktfotografie ideologisch nicht unproblematisch gesehen wird, stand heuer Italien im Zentrum der Ausstellungen.

Im Folgenden – in Französisch – ein Überblick über das diesjährige Festival.

Les rencontres de la photographie Arles und die Sprachbarrieren / Les rencontres… kaj la lingvaj baroj

Zwischen 3. Juli und 24. September finden in Arles, Frankreich, die mittlerweile bereits traditionellen „Begegnungen der Fotografie“ (rencontres de la photographie) statt.  Diese unerhört anregenden und informativen Wochen werfen für mich natürlich einige Probleme auf:

Das wohl größte: Ich bin nicht dort :-(. Die harten Notwendigkeiten des Broterwerbs machen es mir leider unmöglich, überall hin zu reisen, wo es spannende Dinge gibt auf dieser Welt. Und da mich neben der Fotografie so viele andere Dinge auch interessieren, würde eine üppige „Reisepolitik“ natürlich auch am Geld scheitern.

Das zweitgrößte Problem macht mir aber auch gehörig zu schaffen: Die Sprachbarriere, die leider viele Menschen hindert, aus dem wirklich ergiebigen Online-Material aus und über Arles die wichtigsten Informationen zu extrahieren.

arles.pngBesucherinnen und Besucher meines Blogs habe ja mehrere Dinge bemerkt und in Gesprächen oder Mails (leider nicht in den Kommentaren!) angesprochen: die meisten „Sonntagsvideos“ sind auf Englisch. Auch wenn es nicht wirklich stimmt – gemeinhin wird vorausgesetzt, dass der Großteil der Menschen diese Sprache soweit versteht (von „beherrschen“ rede ich ungern), dass man sie ihnen zumuten kann. Daher leiste ich mir die Arroganz, unbekümmert englische Videos auf meinen Blog zu stellen.

Im Zusammenhang mit den „Rencontres“ in Arles haben mich nun echte Zweifel gepackt. Warum widerstrebt es mir, mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit Videos auf Französisch zu bloggen? Klar – Französisch ist eine „Weltsprache auf dem Rückzug“, oder war es zumindest. Gerade in der Fotografie ist Französisch aus historischen Gründen eine wichtige „Leitsprache“

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Der historische Bericht des Abgeordneten Arago über die Dagierreotypie aus dem Kahr 1839 – natürlich auf Französisch
gewesen (und ist es irgendwie nach wie vor). Trotzdem habe ich Hemmungen dabei. Ich selbst hatte aus verschiedenen Gründen das Glück, relativ gut Französisch lernen zu können, aber das hat gleichzeitig ein bisschen die Angst geweckt, als überheblich zu wirken, wenn ich diese Sprache genauso selbstverständlich einfließen lasse wie Englisch.

Womit ich bei einem weiteren Punkt angelangt bin, auf den ich ebenfalls immer wieder angesprochen worden bin: Warum verwende ich als Zweitsprache bei vielen Titeln meiner Posts Esperanto als Zweitsprache?

Die Antwort ist simpel und überhaupt nicht geheimnisvoll: Mir macht es Spaß, Esperanto zu lernen und zu benutzen; und ich finde es einfach gut, wenn ich weiß, dass Menschen aus allen Teilen der Welt, sofern sie etwas Übung mit der „internationalen Sprache“ (so heißt Esperanto ja eigentlich wirklich!) haben, zumindest die Titel meiner Beiträge verstehen. Nebenbei – irgendjemand hat einmal die „Fotografie als Esperanto des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet – gar keine schlechte Definition, finde ich.

Das heißt: Für mich gibt’s einen Brückenschlag zwischen Fotografie und Esperanto und umgekehrt. Was aber mein Problem mit den Berichten über Arles nicht löst.

Vielleicht greift ihr ja einmal selbst in die Tasten und lasst mich im Kommentar wissen, ob ihr was mit Videos auf Französisch anfangen könnt oder ob euch sowas eher nerven würde.

[Ich werde aber in unregelmäßiger Folge hier auf complexityinaframe über einige Highlights des Festivals in Arles berichten].

 

 

„Magnum manifesto“ – ein Fotobuch der Extraklasse

2017 feiert die legendäre Fotoagentur Magnum ihren 70. Geburtstag.  Die Großausstellung “magnum manifesto” zieht eine außergewöhnliche Bilanz dieser sieben Jahrzehnte, in denen Magnum die zeitgenössische Fotografie wesentlich mitgeprägt hat.

Es ist ein großes Glück, dass sich die Ausstellung und der hervorragende gleichnamige Katalog auf eine ebenso bemerkenswerte Dissertation von Clara Bouveresse über Magnum stützen kann. Die Doktorarbeit der jungen französischen Fotohistorikerin  ist unter dem Titel “Histoire de l’agence Magnum – L’art d’être photographe” beim renommierten Flammarion-Verlag in Paris erschienen.

Bouveresse stützt sich auf lange ignoriertes Archivmaterial und kann dadurch einige Mythen widerlegen, die Magnum von seiner Geburtsstunde an begleitet haben. Sie tut dies auf eine ausgesprochen liebenswürdige Art.  Sie will niemanden entlarven, und indem sie die Fakten korrekt präsentiert, zerstört sie die Mythen nicht, sondern situiert sie in einem breiteren und komplexen Kontext, der ihre Entstehung verstehen lässt.

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David Seyomours Reportage über Omaha-Beach (Normandie) zwei Jahre nach der alliierten Landung

Natürlich hat es Stil, wenn der Legende nach Robert Capa, William Vandivert, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David Seymour im Frühjahr 1947 bei einem Mittagessen in der Cafeteria des  MoMA (Museum of Modern Art) in New York eine Magnumflasche Champagner köpften und dabei eine ganz besondere Fotografen-Kooperative gründeten, um den Fotografen endlich zu ihrem Recht auf ihre Werke zu verhelfen. Und natürlich stand die Magnum-Flasche Champagner bei der Namensgebung der kooperativen Agentur Pate. Nicht in der Anekdote erwähnt werden die beiden weiblichen Gründungsmitglieder Maria Eisner und Rita Vandivert, die immerhin die erste Magnum-Präsidentin war.

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Die erste Seite des Eintrags von Magnum im New Yorker Handelsregister, 22. Mai 1947

Gerade im Zusammenhang mit Robert Capa wäre es aber falsch, jedes seiner Worte über die Gründung der Agentur auf die Waagschale zu legen. So wie die anderen Gründer von Magnum hatte sich Capa seit dem Spanischen Bürgerkrieg einen Namen gemacht. Das sogar wortwörtlich. Aus dem ungarischen Fotografen Endre Friedmann hatte sich der international berühmte Robert Capa gehäutet. Er gilt als einer der großen Neueren des Fotojournalismus. Henri Cartier-Bresson wiederum wird als Fotokünstler und Meister des Goldenen Schnitts verehrt (auch wenn seine Fotoreportagen Maßstäbe gesetzt haben).  Der gebürtige Pole  David Seymour hatte sich ebenfalls auf den Schlachtfeldern Spaniens als Fotoreporter hervorgetan. William Vandivert und George Rodger hatten als Kriegsreporter den Kampf der Alliierten gegen Nazideutschland begleitet und dann die Situation in Nackriegseuropa dokumentiert.

Da wäre es doch wirklich viel zu prosaisch, die Gründung der Agentur an der Hinterlegung einer Satzung beim New Yorker Handelsgericht festzumachen, oder nicht? Genau diese Satzung aber zeigt, wie viel Denkarbeit hinter der Schaffung einer Agentur steckte, die völlig verschiedene Fotografinnen und Fotografen zusammenführen und deren Interessen vertreten wollte, ohne einen Einheitsstil vorzuschreiben.

Vereinfacht ausgedrückt waren die Fotografinnen und Fotografen vor Magnum billige Lohnsklaven der Magazinherausgeber. Einmal veröffentlicht, verloren sie jedes Recht am Negativ. Sie hatten keinen Einfluss, welche Bildunterschriften unter ihren Fotos abgedruckt wurden, sie konnten nicht beeinflussen, in welchem Kontext ihre Fotos erschienen.

Das wurde mit Magnum anders. Als Pool hervorragender und selbstbewusster Fotografen  begann Magnum, die Bedingungen für den Abdruck der Fotos der Mitglieder der Kooperative zu diktieren. Verwertungsrechte und Negative blieben jetzt bei den Fotografen, und damit eröffnete sich ein völlig neuer Weg, um Ausstellungen oder Fotobücher zusammenzustellen. Kein Wunder, das mit Magnum auch die Glanzzeit des Fotobuchs begann.

Zugleich formulierte die Magnum-Charta hohe ethische Ansprüche. Im weitesten Sinn lässt sich die Geschichte Magnums in die Geschichte der Schule der humanistischen Fotografie einreihen.

“Magnum manifesto” beschönigt die Konflikte innerhalb der Magnum-Gesellschafter nicht. Die Agentur war natürlich einem Wachstumsprozess unterworfen. Schon früh wurde etwa die aus Österreich gebürtige Fotografin Inge Morath in die Kooperative aufgenommen. Der Tod Capas 1954 in Vietnam durch eine Landmine und die Erschießung Seymours in Ägypten 1956 änderten natürlich auch das Klima im Kollektiv. Die ausgeklügelte und langwierige Prozedur der Aufnahme neuer Mitglieder barg immer wieder Zündstoff in sich.

Der Aufbau des bei Schirmer Mosel auf Deutsch erschienenen, 416 Seiten starken und daher buchstäblich gewichtigen Katalogs ist elegant, übersichtlich und wohldurchdacht: Die Einleitung von Clément Chéroux umreißt nicht nur kurz die Geschichte der Agentur, sie weist auf Problemfelder hin, die sich aus dem ambitionierten Konzept der “Gründerväter” (und der verschwiegenen Mütter) ergeben haben.

Näher ausgeführt wird das im schönen Beitrag von Clara Bouveresse “Nichts als Champagner” (ein Zitat von Rita Vandivert, die dem Fotografen George Rodger zum ersten Geburtstag Magnums “nichts als Champagner” versprach).

Der I. Teil umspannt die Jahre 1947 – 1968: “Menschenrechte und menschliches Unrecht” (im englischen Katalog gibt es hier das Wortspiel “human rights and wrongs”). Die Fotoauswahl in allen Teilen des Katalogs lässt so gut wie alle Magnum-Fotografinnen und Fotografen zu Wort kommen, aber ohne einen künstlichen Anspruch auf Parität. Es geht darum, den für jede Phase der Magnum-Geschichte typischen Geist wiederzugeben. Der I. Teil zeigt, wie unterschiedlich der humanistische Anspruch der Charta umgesetzt wurde – sei es Erich Hartmanns Essays über das “täglich Brot” oder die Beiträge zur “Generation X”, dem ambitionierten Versuch, die Weltjugend darzustellen. Ein Exkurs “Amerika in der Krise” leitet zu Teil II über – “Ein Inventar der Differenzen”.

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The Train – Magnum-Fotograf Joseph Roddy dokumentierte die Reaktion der Menschen am Weg des Zuges, der den Leichnam des ermordeten Robert Kennedy von New York nach Washington brachte

Randgruppen, Randerscheinungen, von der Gesellschaft versteckte oder weggesperrte stehen hier im Zentrum. Bilder aus psychiatrischen Anstalten ebenso wie die legendäre Studie von Josef Koudelka, “Gypsies”, oder Susan Meiselas “Carnival Strippers”. Der Zeitraum des II Kapitels geht von 1969 – 1989 – hier setzt Teil III ein: “Endzeitgeschichten”.

Natürlich beginnt alles mit dem Fall der Berliner Mauer und der Zersetzung der Sowjetunion.  Hier finden wir Bilder aus dem berühmten Fotoessay von Thomas Dworzak über die Taliban ebenso wie Donovan Wylies Besuch im damals schon stillgelegten nordirischen Hochsicherheitsgefängnis Maze.

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Jérôme Sessini, Der Tod von Hugo Chávez

Der Epilog, “Magnum ist…” enthält nicht, wie es verlockend gewesen wäre, Bonmots und kurze Sentenzen über die Agentur – hier werden Briefe und schriftliche Diskussionsbeiträge von Mitgliedern der Kooperative abgedruckt, die zeigen, wie lebendig, intellektuell und empathisch die Idee Magnum in diesem 70 Jahren diskutiert wurde.

Hoffen wir, dass die Magnum-Ausstellung auch in Österreich zu sehen sein wird. Einstweilen können wir uns aber an diesem wirklich bemerkenswert schönen Buch erfreuen.

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Magnum Manifesto

Herausgegeben von Clément Chéroux. In Zusammenarbeit mit Clara Bouveresse.

Aus dem Englischen von Saskia Bontjes van Beek.

416 Seiten, über 450 Bilder, davon 190 in Farbe.

Format: 24,5 x 29,5 cm, gebunden. Deutsche Ausgabe.

Schirmer/Mosel, EUR 49,80 (Deutschland), 51,20 (Österreich)

Ausstellungsbericht: „Inspiration Fotografie“ im Unteren Belvedere in Wien

Im Unteren Belvedere in Wien läuft noch bis 30. Oktober 2016 die Ausstellung „Inspiration Fotografie – von Makart bis Klimt“.

Wie schon an anderer Stelle in diesem Blog erwähnt, empfanden viele Maler im „Entstehungsjahr“ der Photographie (gemeinhin mit 1839 angegeben, obwohl nicht ganz unumstritten!) die neue „Malerei mit Licht“ als existenzgefährdend. Vor allem die Porträtmaler zitterten um lukrative Aufträge. Andere Maler erkannten: Hier tat sich eine neue „Hilfsdisziplin“ auf. EIn Beispiel, das man in der Ausstellung besichtigen kann: 1868 orderte der renommierte Maler August von Pettenkofen bei „seinem“ Fotografen detaillierte Fotos, vor allem von Pferden, die als Vorlage für seine Puszta-Impressionen dienen sollten. Das Konzept war klar: Das fotografierte Tier bewegte sich nicht – das lebende schon.

Aber natürlich erlagen Maler und Studenten der Kunstakademie auch der Faszination des neuen Bildmediums. Bald reichte es nicht mehr, Architektur nur zu dokumentieren, um sie später „nachmalen“ zu können, bald entwickelte sich eine eigenständige fotografische Richtung.

Natürlich zieht sich implizit die alte Streitfrage wie ein roter Faden durch die Ausstellung, die fast so alt ist wie die ersten Daguerreotypien: Ist Fotografie eine Kunst, wie die Malerei, oder doch was anderes?  

Mein Eindruck von der Ausstellung ist zwiespältig: Die von Monika Faber kuratierte Schau bietet beeindruckendes Anschauungsmaterial. Wirklich faszinierend sind die Originaldaguerrotypien – man kann sich leicht vorstellen, wie groß das Staunen der Zeitgenossen bei diesen fein gezeichneten Licht-Bildern war.

Für meinen Geschmack hätten mehr, aber dafür prägnante, Informationstafeln der Ausstellung gut getan. Auch die Gliederung könnte für mich übersichtlicher sein – aber man muss natürlich auch die eher beschränkten räumlichen Möglichkeiten berücksichtigen. Vielleicht ist das ganze aber auch nur der durchaus legitime Wink mit dem Zaunpfahl, den Ausstellungskatalog zu erwerben ;-).

Was natürlich schade ist, – und ewig grüßt das Copyright! – ist das Fotoverbot in der Ausstellung (bei der Martin Parr-Ausstellung im Kunsthaus Wien ist Fotografieren ausdrücklich erlaubt).

Die 12,– EUR Normaleintrittspreis sind aber auf jeden Fall gerechtfertigt (Ermäßigungen gibt es natürlich auch!),