Sabine Weiss, Fotografin

​Flohmärkte verleiten zum Glück oft zum wahllosen Einkaufen. Mir ist es so beim Leica-Flohmarkt in Wien gegangen, wo ich mich gierig auf eine Bananenkiste mit alten Ausgaben der „Leica-Fotografie“ gestürzt habe. 

Was heute mit „LFI“ eine hervorragende Fotozeitschrift ist, war in den 50er Jahren eine vielseitige kleinformatige Revue, in der neben praktischen Tipps, Informationen und Anregungen zur und für die Leica-Fotografie Diskussionen zu einzelnen Fotos und Berichte über technische Innovationen zu finden waren. 

Ich wurde zufällig mit dieser Vorläuferin der LFI bekannt, und jetzt versuche ich, mir immer wieder andere alte Ausgaben zu beschaffen. OK – ganze Jahrgänge wären super, sind aber auch nicht leistbar, aber auf einem Flohmarkt ein paar Euro für 6 Ausgaben – das lohnt sich auf jeden Fall.

Und so stieß ich in Nummer 6/1956 auf Sabine Weiss – eine Schweizer Fotografin, von der ich zu meiner Schande vorher bewusst nie gehört habe. 

Geboren 1924 in Saint-Gingolph, begann die als Sabine Weber geborene 1932 (!!!) mit dem Fotografieren – die erste Kamera hatte sich sich von ihrem Taschengeld zusammengespart, ihr Vater förderte allerdings das Talent der Tochter. Zwischen 1942 und 1946 erlernte sie dann im Studio von Frédéric Boissonnas in Genf den Beruf der Fotografin. Nach Beendigung der Lehre ging sie nach Paris und hatte das Glück, Assistentin von Willy Maywald werden  zu können (Willy Maywald war vor allem für seine Porträts und seine Modefotos bekannt). 1949 bereiste sie Italien und lernte dort ihren späteren Mann, den amerikanischen Maler Hugh Weiss, kennen. 

Was Sabine Weiss bei Maywald gelernt hatte, setzte sie meisterhaft um: Porträts von Giacometti, Francoise Sagan, Scott Fitzgerald gehören ebenso zu ihrem Oeuvre wie Fotos von Strawinsky, Britten oder Casals.

Daneben gibt es eine Reihe von Aufnahmen, die sie in die lose „Schule“ der „humanistischen Fotografie“ einreiht – jener Strömung, die auf das engste mit der französischen Fotografie ab der Mitte des 20. Jahrhunderts verbunden ist und versucht, den Menschen in seiner sozialen Umwelt in seinen Lebensverhältnissen darzustellen. Vor allem jene Klassen der Gesellschaft, die jenseits der glamourösen Gesellschaftsevents ihr Dasein fristen. Bekannte Vertreter dieser Richtung sind Cartier-Bresson, Doisneau, Capa, Brassai – und eben Sabine Weiss.

Porträts wie jene von französischen Bergarbeitern oder englischen Bauarbeitern sind mehr als Fotojournalismus, und um einiges poetischer als die herkömmliche Dokumentarfotografie. 

Wer sich einen Eindruck vom Werk Sabine Weiss‘ verschaffen will, wird hier fündig. Schön, aber leider weit weg: Zur Zeit findet (bis 30 Oktober) im Schloß von Tours (Frankreich) eine Sabine-Weiss-Retrospektive statt.

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