Wie kann, wie darf man den Terror zeigen?

Einige Beiträge in diesem Blog haben sich schon mit der Frage beschäftigt: Wie sollen Fotografinnen und Fotografen das Schreckliche, das Grauenhafte, das Unmenschliche abbilden? Sollen sie das überhaupt tun?

Klar kommt man bei solchen Überlegungen nicht an Susan Sontags „Das Leiden anderer betrachten“ vorbei, jenem Essay über – in erster Linie – Kriegsfotografie, mit dem sie 2003 einige harsche Passagen ihres 25 Jahre zuvor erschienen Essaybandes „Über Fotografie“ zwar relativierte, aber ihre prinzipielle Ablehnung der „Darstellung des Leidens anderer“ fixierte. Ihr Argumentationsstrang, dass die Betrachtung von Bildern des Grauens den betrachtenden Menschen nicht wissender oder aktiver mache, sondern eher zu Übersättigung und „Wegschauen“ verleite, eine Art „Kriegs“- oder „Sozialpornografie“ sei, blieb intakt.

Ich neige da eher (auch dazu gibt es Beiträge auf meinem Blog) zur Position Susie Linfields, die sehr beredt und klug eine Lanze für ungeschminkte, mitunter sogar unerträgliche, Abbilder des Grauens bricht, weil sie tatsächlich etwas bewirken können – nicht zwangsläufig, aber doch. Dialektisch betrachtet: Wenn ein Foto die Schrecken des Krieges, von Hungersnöten (die ja in der Regel leider auch Menschenwerk sind), von Epidemien zeigt, kann es durchaus den Reflex beim Betrachter auslösen darüber nachzudenken, dass es da doch auch etwas anderes geben müsse, dass das dargestellte Grauen das „negative Abbild“ unserer Existenz darstellt. Und tatsächlich haben bestimmte Fotos – zu Beginn des 20. Jahrhunderts die dokumentarischen Fotos über die Gräuel der belgischen Kolonialherrschaft im Kongo, die Bilder von brennenden, rennenden Kindern nach Napalmbombardements durch die US-Luftstreitkräfte – wirklich geholfen, etwas zu bewegen, Menschen von Betrachtern zu Handelnden zu machen, die sich gegen den Kolonialismus, gegen den Vietnamkrieg engagiert haben.

Genug der Vorrede. Auf dem wissenschaftlichen Blog von Andre Gunthert wird zur Zeit eine spannende Diskussion darüber geführt, wie man „Das Bild des Terrors schwächen“ könne. Der Medienwissenschaftler Gunthert wurde nach dem Terroranschlag von Nizza im Juni einige Male dazu intervieht und hat Ende Juni für die Tageszeitung „Liberation“ einen Gastkommentar verfasst.

Leider ist ja das Französische mittlerweile in unseren Breiten eine eher exotische Fremdsprache geworden, daher resümiere ich hier einige Ideen aus dem Beitrag Guntherts. Der Klick auf den Link lohnt sich auch für nicht Frankophone wegen der Abbildungen.

In Frankreich hat als erste Zeitung „Le Monde“ den Beschluss gefasst, keine Fotos von Terroristen oder Terrorakten zu veröffentlichen, weil das ja den Intentionen der Terroristen – maximaler Schrecken, maximale Aufmerksamkeit bei Einsatz oft unglaublich simpler, aber brutaler Mittel. Was plausibel klingt, ist viel kmplexer. Gunthert verweist darauf, dass der „Krieg gegen den Terror“ mittlerweile Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs geworden ist. Die (Selbst)Zensur der Bildberichterstattung erinnert frappierend an die Zensur, wie sie während des 1. Weltkriegs in Frankreich gehandhabt wurde. Da man keine „Siege“ im „Krieg gegen den Terror“ vorweisen kann, die sich medial aufbereiten lassen, versucht man, die „Niederlagen“ so dürr wie möglich zu präsentieren und damit den Feind um den Sieg zu bringen. Gunthert wirft nun die Frage auf, ob eine solche Herangehensweise nicht eine Verzerrung der Realität unter dem Blickwinkel der „Kriegsführung“ ist, die zwar beruhigend wirkt, aber natürlich am Problem (dem Terrorismus) nichts ändert.

„Liberation“ hat im Zuge dieser Debatten begonnen, die Gesichter von Attentätern oder ganze Personen bei Abbildungen von Anschlägen „auszuweißen“ – also nur die Konturen zu zeigen, und dann im Bild weiße Silhouetten zu hinterlassen. Als drittes Beispiel bringt Gunthert ebenso kontroversiell diskutierte Bilder vom deutschen Satireportal „Der Postillon“, der Attentäter und Amokläufer mit Clownnasen und Hasenzähnen abbildet. Das ist natürlich auch eine Form der „Entheroisierung“ der selbsternannten „Helden“ des blindwütigen Mordens. (Ich habe da unwillkürlich an einige der besten Fotomontagen von John Heartfield gedacht, mit denen er Hitler lächerlich machte. Wie man weiß, konnte das den Aufstieg des Nationalsozialismus allerdings auch nicht verhindern).

Wir verfügen heute – im Positiven wie im Negativen – über beeindruckende elektronische Hilfsmitteln, nicht nur bei der Bildbearbeitung ;-). Es gibt auch schon recht brauchbare elektronische Übersetzungstools (z.B. google translate). Es lohnt sich wirklich, Guntherts Blog gegebenenfalls mit Hilfe der natürlich unzulänglichen sprachlichen Hilfsmittel zu verfolgen. Denn diese Diskussion wird uns leider noch längere Zeit beschäftigen, und sie wird von uns allen in irgendeiner Form eine Positionierung erfordern.

Diskussionsbeiträge sind herzlich willkommen!

Augen auf: Online im M Magazine blättern

M – The Magazine for Leica M Photography – ist meiner Meinung nach einer der interessantesten Fotozeitschriften.  Um einen banalen Werbespruch abzuwandeln: Man muss keine Leica haben, um Leica zu mögen.

Die qualitativ hochwertige Zeitschrift (in Wien in den Leica Shops erhältlich) kostet in der Printausgabe 14,– EUR, was für Umfang und Themenauswahl erstaunlich günstig ist.

Wer sich lieber [gratis] einen Einblick in die aktuellen und älteren Ausgaben verschaffen will, kann folgendem Link folgen:

M – The Magazine for Leica M Photography

Buchtipp: Einfach gut fotografieren

Im h.f.ullman-Verlag ist die deutsche Ausgabe von The unforgettable Photograph von George Lange und Scott Mowbray erschienen.

George Lange absolvierte die Rhode Island Scholl of Design und war unter anderem Mitarbeiter von Annie Leibovitz und Duabe Michals. Koautor Mowbray ist herausgeber des Magazins Cooking Light und Amateurphotograph.

Der Untertitel des Buches ist vielversprechend: 228 Ideen und Tricks für die besten Fotos deines Lebens. Das Buch kostet übrigens in Österreich 15,40 EUR.

Na das kann schon was sein, bei dem Preis„, höre ich in Gedanken irgendeine nörglerische Stimme. Und ich antworte: „Ja, das kann nicht nur was sein, das ist etwas“. Was mir an diesem hübsch gemachten Buch gefällt (außer einer erstaunlichen Zahl an Druckfehlern, die aber nicht sinnentstellend sind – ist doch auch schon was, oder?) ist der unerhört entspannte Zugang. Hier werden keine „Minimalanforderungen“ an das Material vorangestellt, Lange betont, dass man die vorgestellten Ideen sowohl mit einer Profi-Spiegelreflexkamera wie mit einer Handycam umsetzen kann. 

Ihm geht es um den Spaß am Fotografieren – manche Kapitelüberschriften sind überraschend: „Der Moment ist wichtig – nicht das Motiv„etwa. Folgt man aber den Überlegungen des Autors, wird der Sinn verständlich:

Den Moment, der dir ein unvergessliches Foto beschert, kannst du nicht beeinflussen. Du kannst nicht einmal wirklich beurteilen, was du siehst, wenn sich die Blende fü ein paar Millisekunden öffnet. Oft hast du keinen blassen Schimmer, welches jetzt tatsächlich das beste Bild ist, bist du dir die Serie von Aufnahmen ansiehst.

Dementsprechend illustrieren die Fotos jeweils eine Grundidee: „authentisch bleiben“, „Intimität einfangen“, „Licht wahrnehmen“, und so weiter. Bei jedem Bild gibt es für technisch Interessierte Erklärung der Bilddaten Verschlusszeit, Blende, ISO-Wert und Brennweite. 

Ermutigend: Lange zeigt Fotos von Menschen und Situationen, die tatsächlich „reproduzierbar“ sind. Fotos von Familienangehörigen und Freunden, Szenen aus dem Alltag. Auch ohne (semi)professionelle Models lässt sich’s gut fotografieren, Grundüberlegungen zu Komposition und Bildgestaltung fließen angenehm unaufdringlich ein. Hübsche Anregungen bietet das Schlusskapitel „Spaß haben“: Neben der Anregung zu kleinen Projekten gibt es sehr schöne Anregungen, wie man Fotos präsentieren kann – vom selbstgestalteten Leporello bis zum Foto-Mobile.