Was wir aus Kriegsfotos lernen können – und was nicht (3. Teil)

So pointiert die Polemik Cockburns gegen James Nachtwey  auch sein mag, können wir sie wirklich für bare Münze nehmen? Tatsächlich hat kaum ein anderer Fotojournalist so viele Krisen- und Kriegsgebiete besucht und gecovert wie James Nachtwey.

Die erste Auslandsreportage des US-amerikanischen Fotografen führte ihn 1981 nach Nordirland, wo es im Zusammenhang mit dem Hungerstreik der politischen Gefangenen der IRA, die von der britischen Besatzungsmacht allerdings nicht als solche anerkannt wurden, zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Polizei, britische Armee und Anhängern der Bürgerrechtsbewegung kam.

Er fotografierte in Bosnien, Serbien, dem Sudan, Ruanda, Südafrika, Tschetschenien, und… und… und… Seine Homepage bietet einen kleinen Einblick in seine Arbeit.

Besonders beeindruckend erscheinen mir seine Fotos aus Ruanda zu sein, mit denen er den Völkermord in diesem Teil Afrikas dokumentiert hat. Ist sein Motto: „Ich war ein Zeuge, und diese Bilder sind mein Zeugnis. Die Ereignisse, die ich aufgezeichnet habe, sollten niemals vergessen werden und dürfen sich nie wiederholen” nur Koketterie?

Cockburns Kritik kommt sehr  moralisch daher. Unausgesprochen schwingt der Vorwurf mit, das Nachtwey aus wie immer gearteten niedrigen Motiven zu Kriegsschauplätzen jettet, ohne ernsthaft Interesse am Schicksal der Betroffenen zu haben.

Diese Interpretation scheint mir, wie gerade das Beispiel der Ruandafotos zeigt, wenig stichhaltig zu sein. Auch die Aufnahmen, die Nachtwey in Gaza gemacht hat, zeigen deutlich die Empathie, die der Fotograf für die leidende palästinensische Bevölkerung empfindet.

Ein unverdächtiger Zeuge für  die Ernsthaftigkeit von Nachtweys Antikriegshaltungung ist der englische Kunsthistoriker, Fotograf und Kurator Julian Stallabrass, der in einem Artikel in der new left review, der sich mit “Ikonen der postmodernen Kriege“ beschäftigt, im Zusammenhang mit den Fotos über den Irakkrieg schreibt (S. 39)1Julian Stallabrass, Memory and Icons – Photography in the war on terror (= new left review 105, London, 2017): “Außerdem gibt es andere Abbildungen des irakischen Leids, die als Ikonen dienen hätten können, wie Chris Hondros Aufnahmen eines mit Blut besudelten Mädchens nach der Tötung ihrer Familie durch US-Truppen oder James Nachtweys berührende Fotos von toten und verwundeten Irakern und ihrer trauernden Angehörigen in Leichenhallen”.

Am Beispiel der Kontroverse rund um die Arbeit von James Nachtwey wollte ich zur Grundthese dieses Essays überleiten:

  • im digitalen Zeitalter besteht zwar theoretisch die demokratische Chance, Bilder über soziale Medien an den kommerziellen Mainstreammedien vorbei zu veröffentlichen;
  • letzten Endes sind es aber die großen Medienkonzerne, die darüber entscheiden, welche “Ansichten” (im doppelten Sinn des Wortes) verbreitet werden
  • Kriegs- und Krisenfotografie kann nur dann etwas bewirken, wenn sie (im Guten wie im Schlechten) Menschen beeinflussen kann, und zwar in relevantem Umfang
  • Bilder können – sogar gegen den Willen der Fotografen – eine Wirkung zeigen, die breite Reaktionen in der Bevölkerung [der kriegsführenden Länder] auslösen
  • heute können auch ”Amateurfotos” zu “Triggern” der öffentlichen Meinung werden.

Was diese These bedeutet, werde ich im nächsten Teil dieses Essays ausführlich erläutern.

[Ende Teil 3]