Ausstellungsbericht: PREVIEW FOTO-AUKTION, 29. Mai bis 9. Juni 2017 im WestLicht

Es gehört schon fast zu den Traditionen dieses immer noch recht jungen Blogs, dass ich über die Ausstellungen in der WestLicht-Galerie vor den Fotoauktionen berichte.

Immerhin kann man immer unglaublich spannende und vielfältige Werke von Spitzenfotografinnen und -fotografen sehen. Und das gratis, bitte sehr! Auf diesen Aspekt möchte ich ganz besonders hinweisen. WestLicht tut sehr viel, um die Beschäftigung mit Fotografie zu fördern und ein tieferes Verständnis für dieses Medium zu wecken. Vor allem für ein junges Publikum können die zwar verständlich kalkulierten, mitunter aber doch spürbaren Eintrittspreise zu Ausstellungen eine Hemmschwelle bedeuten. Umso mehr freut mich also dieser „demokratische“ Zugang.

Auch wenn es wie namedropping wirkt – aber man sieht bis 9. Juni Werke von Cartier-Bresson, Atget, Morath, Capa, Salas, Burri, Haas, Klein, Halsman, Araki, Evans und vielen anderen. Wie immer gibt es einen ausgezeichneten Katalog, der um 25,– EUR zu haben ist und in keiner Bibliothek mit Fotobüchern fehlen sollte. Neben den Abbildungen der ausgestellten Fotografien finden sich eingestreut kurze essayistische Hintergrundtexte zu einzelnen Bildern oder deren Schöpfern.

Kann man bei so viel geballter Qualität irgend etwas besonders herausgreifen? Natürlich, behaupte ich, man kann und soll, auch wenn das, was einem beim ersten Besuch besonders angesprochen hat, vielleicht bei einem weiteren Besuch durch ein anderes Werk abgelöst wird. Denn Fotografien wirken ja nicht losgelöst von Raum und Zeit auf uns, es sind unsere eigenen Stimmungen, Empfindungen, intellektuellen Zugänge, die uns Bilder von Fall zu Fall anders sehen lassen.

Meine persönlichen Favourites waren diesmal die Fotos von Alfred Eisenstaedt (1898 – 1995), dem großen Fotoreporter und Schöpfer zahlreicher ikonische Aufnahmen (ich denke etwa an den berühmten „Kuss auf dem Times Square„). Sein Bild vom „Drum Major„, dass der LIFE-Bilddirektor Friend  „Ode an die Freude“ nannte, ebenso wie das Foto von den Mädchen des Corps de Ballet der Pariser Oper während einer Probenpause strahlen so viel Humor, Wärme und Empathie aus, dass man die Menschen auf den Fotografen wie freundliche Zeitgenossen sehen und sich ihnen ganz nah fühlen kann.

Galerie Westlicht
Westbahnstraße 40
1070 Wien
Historische, klassische und zeitgenössische Fotografie
Nobuyoshi Araki, Ilse Bing, Bruce Davidson, Walker Evans, William Klein, Irving Penn und viele mehr.
29. Mai bis 9. Juni 2017 im WestLicht
täglich 14 – 18 Uhr
und nach telefonischer Vereinbarung unter +43 (0)1 522 66 36 60
Eintritt frei

Video: Ein Porträt von Stanley Greene

Mit Stanley Greene ist ein wirklich bemerkenswerter „Kriegsfotograf“ von uns gegangen. Hier eine kurze Videodokumentation – eigentlich ein mit Fotos unterlegtes Interview -über ihn und seine Motivation, die „dunklen Seiten“ der Gegenwart zu dokumentieren.

Achtung: Das Video enthält teilweise sehr schockierende Aufnahmen!

 

Nachruf: Stanley Greene (1949 – 2017)

Am 19. Mai 2017 starb in Paris der amerikanische Fotograf Stanley Greene im 68. Lebensjahr.

In Brooklyn in einer Schauspielerfamilie geboren, gab es schon früh prägende politische Erfahrungen: sein gewerkschaftlich aktiver Vater war einer der ersten afroamerikanischen Gewerkschafter, der in der Screen Actors Guild in eine Funktionärsposition gewählt wurde. In den 50er Jahren geriet der Vater in die Mühlen der Hexenjagd gegen Kommunisten und konnte nur noch kleine Nebenrollen annehmen, bei denen sein Name nicht genannt wurde.

Mit elf Jahren erhielt Stanley von den Eltern die erste Kamera geschenkt. Der künstlerisch talentierte Jugendliche begann als Maler und nutze die Kamera zur Dokumentation seiner Arbeiten. Zugleich war er in der Bewegung gegen den Vietnamkrieg aktiv und schloss sich der Black Panther Party an.

1971 bot ihm ein Freund, der Fotograf W. Eugene Smith, in seinem Foto künstlerischen Unterschlupf und ermutigte ihn, an der School of Visual Arts in New York und am San Francisco Art Institute Fotografie zu studieren.

Er arbeitete für Zeitschriften, machte Eventfotografie, ging nach Europa und arbeitete unter anderem als Modefotograf in Paris. In diesen Jahren entstand der Dokumentarfilm “The Western Front” über die Punk-Szene in San Francisco in den 70er und 80er Jahren.
Das war die wilde Zeit in seinem Leben, die ihn bis in die Heroinsucht führte. Der AIDS-Tod eines guten Freundes brachte ihn von den Drogen weg, und er arbeitete ernsthaft an seiner Karriere als Fotograf.

Im November 1989 gelang ihm mit seinem Foto „Kisses to All, Berlin Wall“ ein ikonisches Bild vom Fall der Berliner Mauer.

stanley-greene-kisses-to-all,-berlin,-1989

Damit begann eine außergewöhnliche Karriere als Pressefotograf, die Greene an die gefährlichsten Brennpunkte der Weltpolitik führte  Er arbeitete für die Agentur VU mit Sitz in Paris, Zeitungen und Magazine wie Liberation, Le Monde, Paris Match, New York Times Magazine veröffentlichten seine Bilder. 1993 war er beim Putsch in Russland im Weißen Haus in Moskau und wäre dort fast erschossen worden; er berichtete aus den krisengeschüttelten Nachfolgestaaten der Sowjetunion; er fotografiere die Kriege am Balkan, im Irak, Somalia, Kaschmir, Libanon. Zu seinen aufrüttelndsten Reportagen gehören jene über den Völkermord in Ruanda  1994 und die über die Folgen des Hurricane Katrina  2005.

Am bekanntesten wurde er durch seine Fotos aus Tschetschenien. 2004 erschienen die markantesten seiner Kriegsfotos aus dieser Region unter dem Titel “Open Wound” auch als Buch. Greene wurde mehrfach mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet.

2007 dürfte sich Greene nach eigenen Angaben im Tschad mit Hepatitis C infiziert haben.

Nach einer langwierigen Behandlung folgte eine Reportage über Drogenmissbrauch und die Folgen aus Afghanistan. 2012 begann er ein Projekt über e-waste (Elektronikabfall, der in den ärmsten Ländern der Welt abgeladen wird). Er war Mitgründer der von Amsterdam aus operierenden Bildagentur NOOR.

Am 19. Mai verlor der 68-jährige in Paris den Kampf gegen den Leberkrebs, der vermutlich eine Folge der Erkrankung in Afrika war.