18. November: Photographica Auction in Wien

Wieder ist es soweit: Am 18. November findet in der Galerie Westlicht die traditionelle Fotoauktion statt. Zu besichtigen sind die Exponate jeweils zwischen 14.00 und 18.00 Uhr sowie gegen Voranmeldung.

Was man zu sehen bekommt, ist fulminant: Ikonische Bilder wie Alfred Eisenstaedts berühmten „V-Day-Kiss in Times Square“, oder, zufällig am gleichen Schauplatz aufgenommen, Dennis Stocks berühmtes Porträt von James Dean (im Regen). Henri Cartier-Bresson ist ebenso vertreten wie Inge Morath, und vom großartigen Elliott Erwitt sieht man ausnahmsweise keinen Hund, sondern die arme, magere Katze in Rom (1952).

Also – nichts wie hin!!!

Bridgekamera oder Spiegelreflex? Ask Obama :-)

Manchmal fragen mich Freunde, warum ich jetzt sehr häufig mit einer Bridgekamera unterwegs bin. „Diskretion“, antworte ich. Wichtig bei streetphotography, aber auch dort, wo sich Leute durch das Auslösegeräusch gestört fühlen könnte. Was ich meine? Schaut und hört 🙂

eyes on: Paul Schots Ausstellung „coloured concrete“

Seit über 30 Jahren fotografiert der in den Niederlanden geborene Paul Schot, der jetzt in Wien lebt – Landschaften, Gewässer, Bäume im Wechsel der Jahreszeiten in seiner Heimat, Vergängliches hier in Wien.

Im „Fachl“ im 1. Wiener Gemeindebezirk, Fleischmarkt 16 (im Innenhof) präsentiert Schot im Rahmen von „eyes on“ Fotos von Wiener Gemeindebauten – „bemaltem Beton“. Im Begleittext zur Ausstellung schreibt der Fotograf:

„Jedoch können die preisgekrönten und farbenfrohen Architekturentwürfe nicht über den Mangel der Wohnsiedlungen in Großstädten hinwegtäuschen. Es herrscht Leere und Anonymität.

Die liebevoll gestaltete kleine Ausstellung in einem bemerkenswerten Ambiente ist – bei freiem Eintritt! – bis 19. November zu besichtigen.

Sein Ziel erreicht Paul Schot sicherlich:

„Die Fotos sind bestrebt, dem Betrachter einen Spiegel vorzuhalten und damit die Reflexion anzuregen.

„Fachl“
Fleischmarkt 16
1010 Wien
Ausstellunf Paul Schot, bis 15. November

Eyes on: Der Bolivienkoffer

Es gibt sie noch, die echten Entdeckungen. Dazu gehören die Negative eines bolivianischen Fotografen, die ein Wiener Designer durch Zufall in Wien bei einem „Altwarentandler“ gefunden und erstanden hat. Hier die unglaublich klingende Geschichte:

(übernommen aus der Präsentationsseite von „eyes on“):

Bei einem Trödler in Wien erwirbt der Designer Alfred Burzler einen Handkoffer samt Inhalt – zahlreiche zusammengerollte Schwarzweiß-Negativstreifen. Wie sich herausstellt, stammen die ca. 1.200 Mittelformat-Negative aus den 1950er-Jahren und sind in Bolivien aufgenommen worden. Das Vintage-Bildmaterial umfasst dabei sämtliche Bereiche bolivianischen Lebens: Politik, Kirche, Kultur und Gesellschaft, aber auch Alltag der Minenarbeiter oder Brauchtum der indigenen Volksgruppe. Erstaunlich ist, dass sich unter den abgebildeten Personen einige sehr prominente AmerikanerInnen (u.a. Richard Nixon, Grace Kelly, John Wayne) befinden. In der Biografie des Fotografen, dessen Identität nach längerer Recherche festgestellt werden konnte, findet sich die Erklärung: Leopoldo Yelincic (1927–2002), ein in La Paz lebender, kroatisch-stämmiger Pressefotograf, war in den 1950er-Jahren für den amerikanischen Informationsdienst (USIA) tätig.

Der gesamte Kofferinhalt wird in der Ausstellung auf Leuchttischen ausgebreitet: ein unsortierter und unkommentierter Auszug aus dem Werk eines Pressefotografen. Die BesucherInnen haben die Möglichkeit, neue Abzüge im Format 18 x 18 cm von den Negativen zu bestellen.

KuratorInnen: Theresa Schütz und Rainer Steurer

Ein Besuch dieser bemerkenswerten Ausstellung lohnt sich!

Wo:?

Das T/abor, Taborstrasse 51/3, 1020 Wien

Manipulative Bilder – heute: die Online-Krone und das Christbaumkomplott

Dass man mit Bildern manipulieren kann, ist hinlänglich bekannt. Ein ungünstiges Porträt („Meuchelfoto“) kann eine Person Achtung und Sympathie kosten;  Bilder direkt zu bearbeiten und „Unpersonen“ verschwinden zu lassen war eine lang geübte Praxis der stalinistischen Bürokraten; Tierfotos Menschenfotos gegenüber zu stellen war ein Instrument der nationalsozialistischen Bildsprache, um „Untermenschen“ zu Ent-Menschlichen und ihre Vernichtung vorzubereiten.

Eine besondere Form der Manipulation mit Bildern zeigt die heutige Online-Ausgabe der Kronen-Zeitung (krone.at). Dort finden wir folgenden Artikel:

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Screenshot vom 8. 11. 2016, 12.25 Uhr

Jeder Wienerin, jedem Wiener ist sofort klar: Hier sehen wir den traditionellen Weihnachtsbaum vor dem Wiener Rathaus.

Die Quelle des „Symbolbildes“ ist der lizenzfreie Fotodienst thinkstockphotos.de, das Bild stammt von Gettys. Sucht man auf der Webseite des Anbieters nach „Weihnachtsbaum“, kommt man auf etwa 6.000 Fotos. Wenn man nach „weihnachtsbaum rathaus wien“ sucht, kommt man auf eine handvoll Bilder. Das von der krone.at verwendete Bild ist ein Detailausschnitt aus folgendem Foto:

http://www.thinkstockphotos.de/image/stock-foto-vienna-s-city-hall/136183264/popup?sq=weihnachtsbaum%20rathaus%20wien/f=CPIHVX/s=DynamicRank

Die inkriminierte Geschichte (auf die wir näher eingehen werden) spielt sich aber in Düsseldorf ab. Würde man auf thinkstockphotos.de nach „weihnachtsbaum rathaus düsseldorf“ suchen, fände man allerhand:

http://www.thinkstockphotos.de/search/#weihnachtsbaum rathaus düsseldorf/f=CPIHVX/s=DynamicRank

Welchen Schluss kann man aus der Bildauswahl ziehen?

Aber offenbar kommt es bei der Auswahl des Bildes weniger auf den realen Meldungsinhalt an, sondern auf die Herstellung eines unmittelbaren Gedankenzusammenhanges bei den Personen, die auf die krone.at-Seite klicken: Das Blatt, das sich ja generell wie das nicht deklarierte Zentralorgan der „sozialen Heimatpartei“ liest, versucht durch ihre Bildsprache den ersten Eindruck zu verwenden: „Grüne wollen aus finsteren Beweggründen Weihnachtstanne in Wien loswerden“.

Im Vorspann wird Düsseldorf genannt – scrollt man im Artikel weiter hinunter, findet man ein Video:

weihnachtsbaum2
Screenshot vom 8. 11., 12.25

Wieder wird mit der Bildsprache operiert: Man sieht den Transport der Weihnachtstanne in Wien – „ein echter Wiener“, ein weiteres Reizwort…

Wenn man die Story auf ihren realen Hintergrund abklopft, ist sie bei weitem weniger reißerisch:

weihnachtsbaum3

Worum geht es eigentlich? „Nach dem Pfingstorkan Ela möchten wir, dass ein Umdenken stattfindet. Wir können Bäume nicht mehr so behandeln wie beliebige Wegwerfartikel“, sagt Andrea Vogelgesang von der Baumschutzgruppe. Deshalb haben die Umweltschützer den Antrag gestellt. „Es geht uns aber nicht darum, den Düsseldorfern die Vorweihnachtsfreude zu nehmen“, sagt Andrea Vogelgesang. „Wir möchten vielmehr, dass an mehreren Stellen der Stadt Tannen gepflanzt und dann jährlich zu Weihnachten geschmückt werden.“ Die Baumschützer nehmen die Tanne auf dem Staufenplatz als Vorbild. Und schlagen neben dem Rathausvorplatz etwa den Brehmplatz vor, wo Ela auch für einen deutlich Kahlschlag gesorgt hat.

Düsseldorfer Weihnachtsbaum kommt aus Norwegen
Bisher schickt die norwegische Stadt Lillehammer jedes Jahr den Weihnachtsbaum nach Düsseldorf. Dass dafür eine 30 bis 40 Jahre alte Tanne gefällt und nach vier adventsseligen Wochen in Düsseldorf schnöde entsorgt wird, halten die Umweltfreunde für nicht mehr zeitgemäß.

Kein Weihnachtsbaum vor dem Rathaus in Düsseldorf? | NRZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/nrz/staedte/duesseldorf/hick-hack-um-den-weihnachtsbaum-id9971367.html#plx63419040

Die NRZ gehört übrigens zur WAZ-Medien-Gruppe.

Wenn man sich dann der undankbaren Aufgabe unterzieht, zu den Leserkommentaren hinunter zu scrollen wird klar: „Mission complete“:weihnachtsbaum4

 

Dass natürlich die üblichen Gewaltphantasien (Christbaum mit daran hängenden Grünen und Gutmenschen…) ebenso wenig fehlen dürfen wie die Angst vor dem Muezzin vor dem (Wiener) Rathaus ist klar.

Ob die geballte Ladung Hass, die uns hier entgegenquillt, auch bei Verwendung eines anderen Aufmacherfotos (z. B. einem vom Rathaus in Düsseldorf?) so ergiebig geflossen wäre? Das kann ich nicht verifizieren, nur vermuten.  Jedenfalls sollte man gerade auch im Internet einen kritischen Blick für die Macht des manipulativen Bildes haben.

Die Lust an der “Orwellness” und die Allgegenwart des Visual Man in Raum und Zeit

Nein, es ist nicht selbstverständlich, dass man heutzutage ein Buch in die Hände bekommt, das so ziemlich alles an sich hat, was ein Buch “schön” macht: Aufwändige Gestaltung, lesefreundliche Typographie, übersichtliches Layout und einen Schreibstil, der anschaulich ist und kompetent Wissen vermittelt. Und dann dieses Wunderbuch noch zu einem Preis, der absolut nicht überzogen ist.

Sind Sie jetzt gespannt? Dann greifen Sie zu “Das visuelle Zeitalter / Punkt und Pixel” von Gerhard Paul, erschienen im Wallstein-Verlag zum Preis von 41,10 Euro. Paul, Professor für Geschichte und Didaktik an der Europa-Universität Flensburg, entwickelt auf 758 Seiten die Geschichte des “Visual Man”. Der “Typographical Man” war der Mensch des “Gutenberg-Universums” – irgendwann zwischen 1870 und 1890 beginnt der Prozess, der den “Augenmenschen” (© Fritz Lang) hervorbringt.

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Alle Abbildungen zeigen Doppelseiten des rezensierten Buchs!

Die Verbesserung der grafischen (Re)Produktionstechnologien, die Entstehung neuer Bilderwelten, die häufiger werdende Begegnung mit bildlichen (fotografischen) Darstellungen verdrängt die “klassisch bürgerliche Praktik” der Schriftlichkeit. Paul sieht im “Visual Man” den Bewohner des globalen Zeitalters: die neuen visuellen Medien (erst illustrierte Zeitungen, dann “echte” Illustrierte, dann die Medien Film und Television) machen die Welt für die Menschen [in den Teilen der Welt, wo aufgrund der ökonomischen und sozialen Entwicklungen ein Zugang zu diesen Medien besteht] “allgegenwärtig” und buchstäblich anschaulich.

Im Prozess der Entwicklung des “Visual Man” mussten die Menschen umlernen – sie mussten bildliche Darstellungen verstehen, interpretieren, entschlüsseln; Paul erläutert das sehr lebendig an einem Beispiel, das jeder von uns kennt und zeigt, wie der Mensch blitzschnell ein grafisches Zeichen erkennen und in eine Handlung umsetzen muss: beim Rot einer Ampel hat man stehenzubleiben, beim “rot umrandeten, mit der Spitze nach unten weisenden Dreieck in Achtungstellung zu gehen”. (S.742)

wp-1478510450570.jpegGerhard Paul weist überzeugend nach, wie schwierig der Lernprozess war und ist, Bilder nicht grundsätzlich als “wahr” anzunehmen. Das wird dadurch erschwert, dass die Welt der Bilder nicht nur zu einer Aufhebung räumlicher Distanzen führt – dank Bildreportagen, TV-Dokumentationen, aber auch durch Spielfilme sind wir heute in den Regenwäldern des Amazonas visuell ebenso zuhause wie in den Ruinen von Aleppo oder den durchgestylten Anwaltsbüros in Washington, D.C.; auch zeitliche Grenzen verschwinden – was war, was ist – Vergangenheit und Gegenwart schmelzen zusammen, zur Bekräftigung der Wahrnehmung sagt der Visual Man nicht selten “Das war wie im Film”.

Gleichzeitig ist der Visual Man “Subjekt wie Objekt” der Überwachung. Die Lust an der Sichtbarmachung des Selbst, eine Art visueller Exhibtionismus, erleichterte von Haus aus Überwachung und Kontrolle. Bilder waren einfach da, und die Menschen hatten nicht gelernt, Distanz zu ihnen zu wahren oder Strategien zu entwickeln, wie man zwischen Authentizität und Fiktion unterscheiden könne. Die “Orwellness” prägt so unsere Gegenwart,

Paul nimmt die Leserin, den Leser auf eine extrem spannende und unterhaltende Reise durch die Welt der Bilder mit. An die tausend Bildbeispiele werden analysiert. Wir lernen Bilder kennen – als Mittel der Bildung (Schautafeln im Unterricht zum Beispiel), der Wissenschaft (bildgebende Techniken in der Medizin), der Propaganda (exemplarisch aufgearbeitet an einer Untersuchung der Bildsprache des Nationalsozialismus), der Information (Bildjournalismus), der Kriegsführung und der polizeilichen Arbeit …

wp-1478510450575.jpegJa – leider, die Rezension ist “trockener” als das Buch. Aber keine Sorge – die lebendige Aufbereitung des Themas macht Sie auch Trivial-Pursuit-tauglich. Oder haben Sie jemals darüber nachgedacht, seit wann es die heute noch hauptsächlich bei Kindern heißgeliebten Sammelbildchen gibt? Und dass die Firma Stollwerck um 1900 jährlich 600 verschiedene Serien mit über 50 Millionen Bildchen herausbrachte?

“Das visuelle Zeitalter” ist, so seltsam das klingen mag, ein wissenschaftliches Buch, das sich auch hervorragend als “Buch für die ganze Familie” eignet. Der “Visual man” sollte auch einmal einen Schritt zurücktreten, um aus der Distanz einen neuen, kritischen Blick auf “seine” Bilderwelt zu werfen. Der lebendige Stil, mit dem ein “sperriges” Thema behandelt wird, macht dieses Werk auch für Jugendliche bestens geeignet. 

Gerhard Paul
Das visuelle Zeitalter / Punkt und Pixel
Wallstein-Verlag, 758 Seiten, 41,10 EUR